Sport : Zurück in der Familie

Martina Hingis will nach ihrem Comeback wieder an die Weltspitze – doch auch in Berlin hat sie Lospech

Sebastian Bickerich

Berlin - Die Schuldige an der Rückkehr von Martina Hingis ins Profigeschäft könnte Adora heißen. Die Adora entknittert, wie es in der Firmeninformation heißt, „als erster Waschautomat die Wäsche mit Dampf“. Als Martina Hingis die „Innovation für umfassenden Hautschutz“ Anfang 2004 mit ihrem strahlend weißen Lächeln bewirbt, sind ihre Fans entsetzt. Die Schweizer Tennis-Göttin, 209 Wochen an der Spitze der Weltrangliste, 40 Einzeltitel, Fast-Grand- Slam-Siegerin 1997, jüngste Wimbledonsiegerin, jüngste Weltranglistenerste aller Zeiten, als Werbeträgerin für eine Waschmaschine? Irgendwann in diesem Jahr, vielleicht auch Anfang 2005, muss jedenfalls ihr Entschluss gereift sein, es wieder zu versuchen mit dem Profi-Tennis. Jetzt tritt sie erstmals wieder in Berlin an, heute (nicht vor 17.30 Uhr) bestreitet die 25-Jährige ihr Auftaktmatch bei den Katar German Open gegen die Italienerin Flavia Pennetta.

„Es ist so schön, wieder hier zu sein“, sagt sie. Gerade hat Hingis mit ihrer Freundin Daniela Hantuchova trainiert, sie fühlt sich zurück „wie in einer Familie“. Ihr Leidensweg war lang: Die Beschwerden an Füßen und Sprunggelenken, die sie im Februar 2003 zum Rücktritt zwangen, nach drei schon nicht mehr übermäßig erfolgreichen Profijahren und mehrmaligen Operationen. Der Körper hatte das Power-Tennis der neuen Generation, vertreten durch die US-Girls Venus und Serena Williams und Lindsay Davenport, einfach nicht mehr mitgemacht. Dann die Zeit in ihrem neuen Haus am Obersee bei Zürich – getrennt von ihrer Mutter Melanie Molitor, die früher kaum von ihrer Seite wich, das Leben als Hausfrau, als gelegentliche Reiterin und vor dem Fernsehen (Ally McBeal und Sex and the City). Irgendwann hatte sie es satt – und dann geschah das Wunder, an das sie nicht mehr geglaubt hatte: Die Füße trugen sie wieder, mehr und mehr trainierte sie in der zehn Autominuten entfernten Tennisschule ihrer Mutter, machte Krafttraining und Bergläufe, bis sie Ende letzten Jahres ihr Comeback verkündete. Im Damentennis hatte sich in der Zwischenzeit wenig geändert, und das kam ihr zugute: Ihre alten Rivalinnen Lindsay Davenport und Mary Pierce sind noch immer erfolgreich, die große Zeit der Williams-Schwestern scheint dagegen vorüber.

An der Hundekehle, zurück auf dem Tennis-Circuit, merkt man ihr sofort an, wie sehr sie darauf drängt, wieder vorne dabei sein zu können. Warm ist sie empfangen worden, von Turnierdirektor Ayman Azmy, von den Journalisten, vor allem aber von den Fans. „Tennis-Zicke war einmal“, schrieb das Tennis-Magazin , und tatsächlich, sie genießt die Resonanz, nimmt sich Zeit für Autogramme, lacht viel in diesen Tagen. „Ich bin dran geblieben. Mit 30 wollte ich mir nicht etwas vorwerfen können, und so habe ich es versucht“, sagt sie jetzt. Heinz Bühlmann, ihr Leibarzt, ist in der Schweiz geblieben – ein Zeichen für das Vertrauen in die Gesundheit der Schweizerin.

Bei ihren Comeback-Turnieren in Australien – in Gold Coast und in Melbourne, wo sie sensationell ins Halb- und ins Viertelfinale vorgestoßen war – „da hatte ich noch Angst. Jetzt kann ich genießen“. Dabei hatte die gebürtige Slowakin Lospech in Berlin: Gegen Erstrundengegnerin Flavia Pennetta war Hingis in Gold Coast im Halbfinale gescheitert, nach drei engen Sätzen. „Das war knapp“, sagt sie – und macht sich Mut, die Weltranglisten-18. dieses Mal schlagen zu können. Doch ein bisschen wurmt es sie natürlich, eine schwere Gegnerin in der ersten Runde, noch dazu auf Sand, „physisch härter“, wie sie sagt als die Hartplätze, auf denen sie in Australien gespielt hatte. Schon beim Turnier in Warschau letzte Woche hatte sie Lospech, traf bereits im Achtelfinale auf ihre Gruselgegnerin Venus Williams, verlor – und konnte zu wenig Punkte im Klassement sammeln, um in Berlin gesetzt zu werden. Sie ist jetzt auf Rang 26, zwei, drei Weltranglistenplätze höher und es hätte gereicht, aber so „muss ich halt durch, man spielt sich rein“. Sie spricht nicht viel von ihren Zukunftsplänen, „jedes Spiel ist ein Sieg“, sagt sie – doch natürlich arbeitet sie auf Roland Garros in Paris Ende Mai hin, das einzige Grand-Slam-Turnier, das sie nie gewinnen konnte. Ihre Niederlage dort im legendären Herzschlag-Finale 1999 gegen Steffi Graf, als sie weinend vom Platz lief, ohne Händedruck, unsportlich und unsouverän, hat sie weit hinter sich gelassen, heute spricht sie von Graf voller Hochachtung und Respekt.

Eine neue Martina Hingis ist da nach Berlin gekommen, gereift, ruhiger als vor Jahren. Eine Frau, die man nicht mehr vor sich selber schützen muss – und die weiß, dass die vielleicht beste Zeit in der Karriere eines Tennisspielers die ist, in der man mit sich selbst im Reinen ist.

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