Sport : Zurück in die Herzen

Boxer Dariusz Michalczewski will heute Abend wieder Weltmeister werden

Maciej Garbolinski

Berlin - Wenn Dariusz Michalczewski heute Abend in Hamburg (22 Uhr, live im ZDF) die Color-Line-Arena betritt, wird ihn wie immer sein Kampfsong „Eye of the tiger“ begleiten. Ein paar Meter wird er gehen, vielleicht empfangen von rot-weißen polnischen Fahnen – und dann wird es patriotisch für ihn. In der Ringmitte wird er stehen, zusammen mit dem WBA-Champion Fabrice Tiozzo aus Frankreich, und die polnische Hymne wird erschallen. Dariusz Michalczewski aber hat immer gesagt: „Ich bin kein Patriot, ich bin Europäer. Ein Deutsch-Pole eben.“

Aber so selbstverständlich wie sich das anhört, ist es auch für Michalczewski nicht. Denn der „Europäer“ ist bis heute in seinem Heimatland viel populärer als in Deutschland. Bei den deutschen Sportlerwahlen kommt er nicht unter die Top Ten. „Das tut schon weh“, hat er einmal gesagt. Auch der bevorstehenden Begegnung fiebert man in Polen schon seit Wochen entgegen. Hier wird sie dagegen eher routiniert zur Kenntnis genommen. Anhänger hat Michalczewski zwar auch viele in Deutschland, aber die große Leidenschaft für ihn kommt nur aus Polen. Dieser Beliebtheit fühlt sich Michalczewski verpflichtet: „Ich boxe nur noch für Polen“, hat er 2002 verkündet.

Vielleicht kann er das mit dem heutigen Kampf auch auf dem deutschen Boden nachholen. Genau vor 16 Monaten hat er zum ersten Mal in seiner Profikarriere verloren, der Titel nach der Version WBO ging an den Mexikaner Julio Cesar Gonzales. Seitdem hat Michalczewski nicht mehr geboxt. Nun will er wieder Weltmeister werden, und ausgerechnet jetzt, mit 36 Jahren und vielleicht zum letzten Mal in seiner Karriere, hat er noch einmal die Chance, die Lücke auszufüllen, die mit dem Weggang der Klitschko-Brüder aus Deutschland entstanden ist.

Dariusz Michalczewski konnte sich nie entscheiden, für welches Land er boxen will. Bei den Zuschauern, zumindest den deutschen, ist die Strategie nicht besonders gut angekommen. Und wie hart es ist, als Boxer Anerkennung zu gewinnen, musste er im Dezember 2001 in Berlin erleben. Damals pfiffen die Zuschauer den Boxer aus, als die Schiedsrichter ihn in einer strittigen Entscheidung zum Sieger über Richard Hall erklärten. Viele waren der Meinung, Michalczewski sei zu polnisch für die Deutschen und zu deutsch für die Polen. Doch solche Stimmen interessierten den Boxer nie.

Heute Abend ist dem Deutsch-Polen durchaus ein Sieg zuzutrauen. Er selbst sagt: „Am Ausgang dieser Begegnung habe ich keine Zweifel. Ihr könnt auf meinen Sieg jedes Geld wetten.“ Er muss wissen, was er sagt, denn Fabrice Tiozzo hat er schon einmal besiegt. Es war 1986, bei der Europameisterschaft der Junioren in Kopenhagen. Damals war Michalczewski gerade 18 und der Franzose 17 Jahre alt. Für beide ist es heute wohl die letzte Chance, sich im Profiboxen zu behaupten. „Ich kann es kaum erwarten, wieder Weltmeister zu sein“, sagt Dariusz Michalczewski. Vielleicht kann er mit einem späten Weltmeistertitel doch noch die Herzen der deutschen und der polnischen Fans gleichermaßen erobern.

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