Sport : Zurück in Sindelfingen

Das deutsche Tennis ist wieder da angekommen, wo es war, bevor Boris Becker 1985 zum ersten Mal Wimbledon gewann

Frank Bachner,Stefan Hermanns

Von Frank Bachner

und Stefan Hermanns

Berlin. Eigentlich war es mal wieder ein guter Tag für das deutsche Tennis: 7000 Zuschauer auf der Anlage, die Stimmung bestens – und das Fernsehen hat auch live übertragen, als Michael Stich und Boris Becker voriges Jahr im August auf dem Centre Court des LTTC Rot-Weiß in Berlin ihr erstes Altherren-Match bestritten. „Wenn die richtigen Leute auf dem Platz stehen, gibt es immer noch einen Tennis-Boom in Deutschland“, hat Boris Becker damals gesagt.

Die richtigen Leute, das sind Becker und Becker und Becker. Becker als Immernoch-Spieler, Becker als Turnierdirektor in Hamburg und Becker als Herausgeber des „Tennis- Magazins“, dessen Auflage seit 1995 von 84 618 Exemplaren auf 34 207 gesunken ist. Wie Tennis à la Becker aussieht, haben die Zuschauer im August am Grunewald erleben können: sehr amerikanisch, mit Cheerleadern, lauter Musik und lautem Getöse. Becker will „die ganze Unterhaltungskomponente, einfach mehr Lärm in den Laden bringen“. Der reine Sport nämlich zieht in Deutschland nicht mehr.

Seit langem schon schalten die Zuschauer ab, wenn Tennis im Fernsehen kommt. „Wir stehen da, wo wir vor dem Becker-Boom waren“, sagt SFB-Sportchef Jochen Sprentzel. Wenn in zwei Wochen in Berlin die German Open der Damen beginnen, wird es erstmals seit Jahren keine Live-Übertragung in der ARD geben. Das ist die Konsequenz aus der enttäuschenden Quote im vergangenen Jahr, als der Minuswert von 3,7 Prozent Marktanteil gemessen wurde. „Alles, was bei der ARD im Hauptprogramm nicht zweistellig ist, gilt als enttäuschend“, sagt Sprentzel.

Nicht mal der Klassiker Wimbledon zieht, die Mutter aller Tennisturniere, die im Jahr 1985 mit Boris Becker einen neuen deutschen Helden gebar. Im vergangenen Jahr waren die Quoten enttäuschend, trotzdem überträgt die ARD auch in diesem Jahr wieder. „Die Rechte waren sehr preiswert“, sagt Markus Bartosch von der ARD-Sportkoordination. Das Erste plant, Wimbledon „breitflächig zu übertragen“. Aber die Planungen könnten sich schnell ändern. „Das hängt auch vom Turnierverlauf ab“, sagt Bartosch. 2002 übertrug nur noch Bayern Drei die zweite Turnierwoche. Da waren die Deutschen schon ausgeschieden. Jochen Sprentzel sagt: „Man kann Tennis nur noch über die nationale Karte gut anbieten.“

Deutschland fehlt der Superstar. Thomas Haas hätte einer werden können oder Nicolas Kiefer. „Was haben die beiden denn schon gewonnen? Nichts“, sagt Bartosch. Der letzte deutsche Tennisspieler, der ein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat, war Boris Becker 1996 bei den Australian Open. „Es müssen schon Erfolge da sein, damit man da größer einsteigt“, sagt Bartosch. Der Daviscup wäre eine Chance für die Deutschen. Die ARD hat die Rechte an den Spielen. „Das hat Nationalmannschaftscharakter, das hat einen gewissen Reiz“, sagt Bartosch. Aber in diesem Jahr flogen die Deutschen im Daviscup schon in der ersten Runde gegen Argentinien raus.

Klaus Eberhard, der neue Teamchef des deutschen Fed-Cup-Teams, findet, „dass die Situation schlechter dargestellt wird, als sie ist“. Schließlich stand Rainer Schüttler im Januar bei den Australian Open im Finale, und Thomas Haas zählt, wenn er gesund ist, zu den zehn Besten der Welt. Bei den Damen hingegen sieht es nicht so gut aus. Sagt selbst Eberhard. Die zurzeit beste deutsche Tennisspielerin heißt Anca Barna, und sie ist vermutlich die unbekannteste beste deutsche Tennisspielerin aller Zeiten. Barna liegt in der Weltrangliste auf Platz 62. Dahinter kommt Angelika Roesch (82), die beim Turnier in Budapest in dieser Woche ebenso in Runde eins ausgeschieden ist wie Vorjahressiegerin Martina Müller. Rainer Schüttler unterlag in Monte Carlo in der zweiten Runde dem Qualifikanten Alberto Martin.

Man kann sich das heute ja fast nicht mehr vorstellen, dass Kinder in den Achtzigerjahren auf westdeutschen Straßen Tennis gespielt haben, wie sie zuvor Fußball gespielt haben und heute Basketball spielen. Die Tennisklubs mussten damals neue Plätze anlegen, Tennishallen wurden ausgebaut. Inzwischen findet der Rückbau statt: Tennisplätze zu Squashcourts. Tennis war gestern.

Wenigstens Steffi Graf hat einen nachhaltigen Tennisboom ausgelöst. In Belgien. Bei Kim Clijsters und Justine Hénin hingen früher Poster von Graf im Kinderzimmer, heute sind sie selbst Weltklassespielerinnen. Hénin hat im vorigen Jahr die German Open gewonnen. Die Kinder, die in Deutschland von Becker, Graf und Stich für Tennis begeistert wurden, wären längst alt genug, um in der Weltspitze zu spielen. Aber da spielen sie nicht. „Ehrlich gesagt, kann ich das auch nicht erklären“, sagt Eberhard. In Schweden zum Beispiel „hat Björn Borg mehrere Generationen hinter sich hergezogen“, in Deutschland hat Becker das nicht geschafft. Inzwischen scheint es, als habe es den Boom nie gegeben. Das deutsche Tennis ist wieder ungefähr da, wo es im März 1985 war, als die Deutschen im Glaspalast von Sindelfingen ihr Daviscup-Match gegen Spanien austrugen und das Blasorchester des Musikvereins Eintracht Darmsheim im musikalischen Rahmenprogramm auftrat – im gepflegten Mittelmaß. Die Burgsmüllers, Popps und Barnas hießen vor Becker Pinner, Gehring, Hanika.

„Man kann einen Weltklassespieler nicht produzieren“, sagt Eberhard. Der Verband sei allenfalls in der Lage, einen talentierten Spieler auf den Weg zu bringen, ihm dabei Hilfe zu leisten. „Tennisspieler sind eigene Unternehmer. Der Wunsch, es ganz nach oben zu schaffen, muss aus ihnen selbst kommen.“ Die Hilfe will der Verband jetzt zumindest intensivieren. Anfang April haben sich Funktionäre der Landesverbände, des Deutschen Tennis- Bundes (DTB) sowie Trainer in Göttingen zur Klausurtagung getroffen. Thema: Welche Fehler haben wir bisher gemacht? Wie kommen wir aus der Misere? „Das Problem ist, dass wir bei der Ausbildung der Talente bis zum dreizehnten, vierzehnten Lebensjahr in der Welt einzigartig sind, es aber nicht schaffen, Leute in die Top 20 zu bekommen“, sagt der Jugendwart eines Landesverbands. Deshalb sollen statt zwölf oder dreizehn Talenten nun drei intensiver gefördert werden, „kompromissloser“, sagt Fed-Cup-Chef Eberhard.

„Wir brauchen mehr Turniere in Deutschland, damit die Talente nicht mehr so viel reisen müssen“, sagt Thomas Tasch, beim DTB für den Leistungs- und Jugendsport verantwortlich. 55 Turniere mit Preisgeldern gibt es in Deutschland, „das sind zu wenig“, sagt Tasch. Vor allem im Winter könnten mehr Turniere stattfinden. Nur ist das nicht so einfach. So genannte Challenge- Turniere, Wettbewerbe für die zweite Garde, die über diesen Weg Weltranglistenpunkte sammeln kann, kosten Geld. Orange-Weiß Friedrichshagen hat 2001 ein solches Turnier veranstaltet. Es kostete den Klub 30 000 Euro. Ohne Sponsoren geht das nicht. Aber gerade die Sponsoren halten sich eher zurück. Der DTB hat zwar einen Großkonzern wie Daimler-Chrysler als Geldgeber, aber der reduziert seine Zuweisungen. Um 15 bis 20 Prozent musste der DTB in dieser Saison seine Ausgaben kürzen. Der Jugendetat beträgt zwar immer noch rund 450 000 Euro, aber im Bundesleistungszentrum Hannover fiel eine Trainerstelle weg.

Am Geld könnte auch die Verwirklichung des schönen neuen Konzeptes scheitern, über das in Göttingen diskutiert wurde. „Ich sehe das noch lange nicht umgesetzt“, sagt ein Teilnehmer der Klausur. Tasch behauptet: „Das Konzept kostet nichts zusätzlich.“ Aber das ist wohl nur die offizielle Sprachregelung. Intern wurde ganz anders geredet. Als die Frage aufkam, wie der DTB die neue Talentförderung eigentlich bezahlen wolle, antwortete Bundesjugendwart Lothar Schrögel schulterzuckend: „Die Finanzierung werden wir schon irgendwie hinkriegen.“

Aber vielleicht ist dieser Punkt gar nicht der wichtigste. Vermutlich kann das deutsche Tennis erst wieder zur Boom-Sportart werden, wenn die Hauptdarsteller mehr Disziplin zeigen. Ein Funktionär blieb vor kurzem beim Zappen an einer Tennis-Übertragung hängen. „Da habe ich die ganzen osteuropäischen Spieler gesehen. Die haben viel mehr Biss. Die wollen nach oben. Die sind nicht so bequem wie bei uns.“ Ein Vorurteil? Das Klischee von den deutschen Wohlstandsjünglingen? Da lacht der Funktionär. Bei den deutschen Meisterschaften 2002 in Dresden hat er gesehen, wie sich 16-Jährige die Trainingstasche von ihren Eltern haben hinterhertragen lassen. „Und diese Spieler sollen sich mal durchbeißen?“

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