Sport : Zurück in vertraute Arme

Jan Ullrich fährt wieder für Telekom – weil der Radprofi mit seinem ehemaligen Team die Tour de France gewinnen will

Hartmut Scherzer

Frankfurt (Main) . Es hat sich lange hingezogen. Bereits kurz nach der Tour de France 2003 tauchten erste Gerüchte auf. In den letzten Wochen gab es bereits ein konkretes Angebot, und gestern meldete es bereits die „Bild“–Zeitung. Doch wirklich fest steht es erst seit Samstagmittag: Der Radprofi Jan Ullrich kehrt zu Telekom zurück und wird ab 2004 für das Team T-Mobile in die Pedale treten. Sein Mentor Rudy Pevenage wird ihn weiterhin unterstützen – als persönlicher Angestellter Ullrichs allerdings, ohne Funktion im Team. In einer Pressemitteilung von T-Mobile heißt es: „Jan Ullrich und sein Manager Wolfgang Strohband einigten sich mit dem Hauptsponsor T-Mobile International auf einen längerfristigen Vertrag.“ Auch Jan Ullrich äußerte sich darin: „Den Ausschlag haben ausschließlich die sportlichen Rahmenbedingungen gegeben.“ Der Chef von T-Mobile, Rene Obermann, sagte: „Es haben sich zwei starke Partner gefunden, die ein gemeinsames Ziel verbindet: Der Sieg bei der Tour de France.“

Die Mobiltelefone der maßgeblichen Herren waren am Samstag ausgeschaltet. Jan Ullrich, sein Manager Wolfgang Strohband, Rudy Pevenage und die Telekom-Teamchefs Walter Godefroot, Mario Kummer und Olaf Ludwig trafen sich in der Schweiz. Es mussten noch die letzten, wichtigen Details für die Rückkehr des Bianchi-Kapitäns geklärt werden. Denn noch war der Wechsel, den die „Bild“-Zeitung vorab gemeldet hatte, nicht perfekt. Das ist nichts Neues. Schon nach dem spektakulären Comeback Ullrichs bei der Tour de France gab es Meldungen über den angeblichen Geheimplan, Ullrich zurück zuholen. Der Wechsel sollte offenbar über die Medien forciert werden.

„Das ist seit Wochen Taktik von Telekom“, sagt Rudy Pevenage. All seine Bemühungen, einen Sponsorpartner zu finden, um Ullrichs Forderungen zu erfüllen und ein verstärktes Team Bianchi zu retten, blieben ohne Erfolg. „Da ist eine höhere Macht am Werk“, sagt Thomas Liese, einer der nun von Arbeitslosigkeit bedrohten Bianchi-Fahrer. Denn ohne Jan Ullrich wird es 2004 kein Team Bianchi geben. Liese kann die Erfolglosigkeit bei der Sponsoren-Suche nicht verstehen. „Wenn eine Mannschaft mit Ullrich und dem Rückenwind der Tour keinen Sponsor findet, dann dürfte überhaupt kein Team einen Sponsor haben.“ Spätestens seit Pevenage vergangenen Dienstag zum Gespräch mit Walter Godefroot eingeladen wurde, war mit der Rückkehr seines Schützlings zu rechnen.

Ullrich soll 2,5 Millionen Euro pro Saison und einen Anschlussvertrag als Telekom-Repräsentant für zehn Jahre erhalten. Das gibt ihm Planungssicherheit für sein ehrgeiziges Ziel, die Tour nach 1997 ein zweites Mal zu gewinnen. Die starke Mannschaft mit seinem Freund Alexander Winokurow und das Zugeständnis, sein persönliches Umfeld mitzubringen, sind weitere Argumente für die Rückkehr. Der Radprofi darf nun seinen Bruder Stephan als Mechaniker, die Physiotherapeutin Birgit Krohme und seine Radkumpels Tobias Steinhauser und Andre Korff mitnehmen.

Telekom hatte Jan Ullrichs eigentlich bis 2003 laufenden Vertrag wegen der positiven Dopingprobe und der anschließenden Sperre von Ullrich Mitte des vergangenen Jahres ausgesetzt. Aus Enttäuschung darüber hatte Ullrich den dann angebotenen neuen Vertrag abgelehnt.

Eine komplikationslose Rückkehr verhinderte in den letzten Wochen Rudy Pevenage, ohne den Ullrich nicht zu haben ist. Teamchef Godefroot hatte nach dem plötzlichen Weggang seines ehemaligen Sportlichen Leiters Pevenage, der Telekom kurz nach Ullrich verließ, nie mehr mit ihm zusammenarbeiten wollen. Die Telekom-Tochter T-Mobile, die ab 1. Januar 2004 für drei Jahre die Sponsorschaft des Radteams von der Konzernmutter übernimmt, wollte die Rückholaktion aber nicht an diesem Problem scheitern lassen. Also soll Pevenage erst einmal Angestellter Ullrichs werden, ohne offizielle Funktion im Team T-Mobile. Das kann aber nur eine Übergangslösung sein, bis Team-Besitzer Godefroot dem Druck des Sponsors nachgibt und sich mit Pevenage aussöhnt. Denn der 29-jährige Radstar braucht bei der Tour de France seinen Freund Pevenage als offiziellen Sportlichen Leiter im Begleitwagen und nicht als Ratgeber im Hotel.

Ullrichs Team-Kollegen von Bianchi bekunden nach Wochen der Ungewissheit volles Verständnis für seinen Wechsel, obwohl sie die Leidtragenden sind. „Ohne Ullrich gibt es kein Team Bianchi mehr, und für mich bedeutet das: Schluss mit Radrennen“, sagte David Plaza, der wie der 35-jährige Thomas Liese seinen Rücktritt erklärte. Der spanische Tourhelfer Plaza ist 33 Jahre alt und findet so spät im Jahr keinen neuen Arbeitsplatz. Doch Plaza fühlt sich wie alle anderen Bianchi-Fahrer nicht von seinem Kapitän im Stich gelassen: „Jan muss an sich denken, es geht um seine Karriere.“ Der Leipziger Radprofi Steffen Radochla fügte hinzu: „Jan hat uns schon zweimal gerettet.“ Doch gegen Telekom war Bianchi nun machtlos.

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