Sport : Zurück mit einem Schrei

Nach Verletzungen und Selbstzweifeln tritt Nicolas Kiefer in Wimbledon motivierter denn je auf

Petra Philippsen[London]

Sein Schrei hallt noch weit über die anderen Nebencourts von Wimbledon hinweg. Die tiefe Befreiung ist deutlich spürbar. Erleichtert und überglücklich wirkt Nicolas Kiefer, als er seinen ersten Matchball gegen den Italiener Filippo Volandri verwandelt hat. Nach über einem Jahr gezwungener Tennis-Abstinenz ist es sein erster Sieg. Kiefer reckt seine Faust kämpferisch in Richtung seiner Box. Er weiß, bei wem er sich zu bedanken hat. Denn sein Trainer Sascha Nensel hat in den schweren Monaten, die hinter ihm liegen, stets zu ihm gehalten und auch bewirkt, dass Kiefer den Mut nicht verloren hat. „Sascha ist total positiv. Der redet einfach alles schön. Da kann man sich den Mental-Coach wirklich sparen“, erzählt Kiefer und kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Dabei hat es zuletzt viele Momente gegeben, in denen dem Hannoveraner nicht zum Lachen zumute war. Nach zwei Operationen am linken Handgelenk musste Kiefer mit Rückschlägen im Heilungsprozess fertig werden und bangte zeitweise sogar um die Fortsetzung seiner Karriere. „Es war eine schwere Zeit für mich. Aber ich habe immer daran geglaubt, dass ich es schaffen werde“, sagt Kiefer.

In seinem ersten Match in Wimbledon hat er es in beeindruckender Manier bewiesen. Und das an dem Ort, der ihm so viel bedeutet, und wo er bei seiner Premiere 1997 sofort ins Viertelfinale gestürmt war. Es scheint eine kleine Ewigkeit her zu sein, ein anderes Leben fast, und doch wirkt Kiefer auch jetzt auf Anhieb ganz wie vor zehn Jahren: kämpferisch, aggressiv, mit dem unbedingten Willen zum Sieg.

Gänzlich ohne die erwarteten Anlaufschwierigkeiten kehrt Kiefer auf die Tour zurück, so als wäre er nie weg gewesen. Die Fitness war immer sein großes Plus, in den Monaten der Rehabilitation hat er sie noch weiter verbessert. Kiefer wirkt beweglich, ist schnell auf den Beinen und das Ballgefühl hat er auch nicht verloren. Davon konnte sich Volandri ein ums andere Mal überzeugen. „Ich habe mit sehr viel Risiko gespielt und nie zurückgezogen, als es eng wurde. Die Fehlerquote war mir egal. Hauptsache, alles geben. Ich wollte den Sieg so sehr“, sagt Kiefer nach seinem 6:3, 7:6 und 6:1-Erfolg.

Angespannt und nervös sei er dennoch gewesen und mitunter war ihm diese innere Unruhe während der Partie anzusehen. Schon bei seinem Comeback im westfälischen Halle lieferte er dem starken Tschechen Tomas Berdych einen Kampf auf Augenhöhe, auch wenn es zum Sieg noch nicht reichte.

Doch etwas hat sich verändert, der einstige Heißsporn ist reifer geworden. Die Zeiten, in denen Kiefer zu schnell zu viel wollte und mit sich und der Welt wegen jeder Kleinigkeit haderte, scheinen vorbei. Aber Kiefer hat inzwischen gelernt, in den entscheidenden Momenten konzentriert zu bleiben. Er dosiert seine Kräfte nun besser und genießt vor allem die Momente auf dem Tennisplatz, auch in dem Wissen, dass er beinahe auf sie hätte verzichten müssen.

Selbst im Training geht Kiefer konzentrierter ans Werk, wie auch am Tag nach seinem ersten Erfolg an der Church Road. Gerade einmal eine halbe Stunde arbeitet er mit Nensel, dann verschwindet Kiefer zur Massage. „Ich spüre meine Knochen jetzt schon nach den drei Sätzen. Deshalb ist der Tag Pause auch so wichtig. Früher habe ich manchmal den ganzen Tag trainiert. Jetzt weiß ich, dass auch eine Stunde reichen kann“, erzählt Kiefer, der in der nächsten Woche seinen 30. Geburtstag feiert und sich bewusst ist, dass die Zeit gegen ihn arbeitet. „Ich will mir keinen Stress machen. Ich weiß, wo ich früher stand und habe viel Arbeit vor mir, aber ich bin auf dem richtigen Weg.“

In der nächsten Runde wartet nun der unorthodox spielende Franzose Fabrice Santoro auf Kiefer, gegen den er in sieben Duellen erst einmal gewinnen konnte. „Ich freue mich darauf“, sagt er dennoch. Es klingt glaubwürdig.

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