Sport : Zurück nach Hollywood

Jürgen Klinsmann wählt wieder jenes Umfeld, das ihn einst abgestoßen hatte

Frank Bachner

Berlin - Leider weiß keiner, wo das gute Stück jetzt steht. Die Spur verliert sich am 28. Juli 2006 bei Ebay, damals hatte jemand die Tonne ersteigert. Die Werbetonne aus Pressspan und dem schuhgroßen Loch auf Hüfthöhe. Das Loch hatte Jürgen Klinsmann getreten, damals, im Frühsommer 1997, aus grenzenloser Wut. Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni hatte den Stürmer ausgewechselt, die Bande stand neben dem Platz, sie war ideal zum Frustabbau. Ausgewechselt, er, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, gegen einen Regionalliga-Stürmer. Drei Wochen später war Klinsmann weg, ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Der Tritt war sein spektakulärer Abschiedsgruß.

Jetzt ist er wieder da, als Trainer. „Ich freue mich“, sagte er gestern. Ausgerechnet bei Bayern, ausgerechnet bei dem Verein, mit dem er enorme Probleme hatte. „Da gab es schon Meinungsverschiedenheiten. Aber wenn man weiterkommen möchte, gehören Reibereien dazu“, verkündete Klinsmann gelassen. Als er ging, da hatte er noch erklärt: „Bayern wollte meine Tore, meine Leistung auf dem Platz. Die habe ich abgeliefert, dennoch wurde ich angepinkelt.“

Trotzdem? Gerade weil er nur auf dem Platz präsent war, hatte er den Ärger. Er hatte einen Vertrag bei einem Verein, der zwar offiziell und nüchtern FC Bayern München hieß. Aber er spielte für einen Klub, der sich inzwischen als FC Hollywood verstand. Der Klub bediente die Medien mit Glamour-Themen, dafür kassierte er im Gegenzug viel Geld, so einfach war die Philosophie. „Glauben Sie“, fragte Manager Uli Hoeneß, „der Boom bei Bayern München wäre ohne die Abteilung Hollywood möglich?“

Natürlich nicht, nur war in diesem Kunstprojekt ein Profi fehl am Platz, der seine Hochzeit geheim hielt, der eine meterhohe Hecke um sein Haus hatte, weil er ungestört auf der Terrasse sitzen wollte, und einen Tunnel zwischen Trainingsplatz und Spielerkabine forderte, damit die Fans nicht mehr so lästig werden. Wenn er Tore schieße, habe er seinen Arbeitsvertrag erfüllt, so sah er die ganze Chose. Er schoss zwischen 1995 und 1997 insgesamt 31 Tore, er gewann mit dem Team 1996 den Uefa-Cup und 1997 die deutsche Meisterschaft. Soll erfüllt.

Dass ihn die Vereinsbosse noch für eine ganz andere Rolle vorgesehen hatten, das war ihr Problem, jedenfalls nach Klinsmanns Ansicht. „Wir haben ihn wegen seines Sonnyboy-Images geholt, er sollte Aufbruchstimmung erzeugen“, sagte Hoeneß. Aber der Sonnyboy ließ sich nicht dirigieren. Der Stürmer ließ sich zwar fürstlich bezahlen und kassierte Anteile am Verkauf seines Trikots, aber er flüchtete auch an freien Tagen zu seinen Freunden an den Comer See und lief monatelang mit Baseballmütze durch München, um unerkannt zu bleiben.

Also halfen andere nach. Vereinsboss Franz Beckenbauer hatte einen Vertrag mit „Bild“, und in „Bild“ und „Sport-Bild“ tauchten Details von Klinsmanns Vertrag auf. Auch Klinsmanns Teamkollege und Intimfeind Lothar Matthäus erledigte seinen Job als „Bild“-Maulwurf ausgezeichnet. Als Klinsmann zeitweise auch noch schwach spielte, da erntete er Hohn und Spott. In diesem medialen Krieg sah sich Klinsmann immer als Einzelkämpfer. „Dass Franz ,Bild‘ Feuer gibt, war nicht zu erwarten. Aber ein Rummenigge oder ein Uli hätte mal Klartext reden können.“ Haben sie aber nicht.

Klartext hat Hoeneß dafür vor der WM 2006 geredet. Es könne ja wohl nicht sein, dass der Bundestrainer Klinsmann den Deutschen Fußball-Bund umkremple und gleichzeitig nach Bedarf nach Hause in die USA fliehe. Hoeneß ist noch da, Rummenigge und Beckenbauer haben unverändert das Sagen, Beckenbauer ist immer noch „Bild“-Partner. Eigentlich ist alles wie 1997, als Klinsmann zornig floh.

Jetzt kommt er zurück. „Weil Bayern das Nonplusultra des deutschen Fußballs ist.“ Die alten Geschichten? Abgehakt, bedeutet Klinsmann. Das hört sich schön an, aber man muss ihm das nicht unbedingt glauben. „Jürgen Klinsmann“, sagte Hoeneß mal, „ist der größte Schauspieler, den ich kenne.“

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