Sport : Zurück unter Menschen

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Von Stefan Herrmanns

Yokohama. Verlierer dürfen gar nichts. Sie dürfen nicht einmal einfach so verschwinden, wenn sie den Jubel um sich herum nicht ertragen können. Oliver Kahn ist mit seiner Silbermedaille schon vom Podium gestiegen, als ihn der Befehl ereilt, umzudrehen und zu warten. Offensichtlich gibt es eine neue Regel des Weltfußballverbandes Fifa, die vorschreibt, dass sich auch die Verlierer des WM-Finales zu Dokumentationszwecken noch einmal fotografieren lassen müssen. Mit solchen Fotos könnte man Geisterbahnen schmücken. Kahn ist der Erste, der wieder auf den Rasen hüpft, und stände nicht eine Wand von Fotografen vor ihm, die auf die Sieger warten, dann wäre er wohl gleich in die Kabine durchgelaufen.

Oliver Kahn hat vor ein paar Tagen gesagt, er habe das Gefühl, dass die Deutschen Weltmeister würden, „warum, kann ich auch nicht erklären". Na, warum wohl? Vielleicht, weil die Deutschen Oliver Kahn im Tor stehen haben? Weil Kahn, der schon vor dem Finale als bester Torhüter des Turniers mit der Jaschin-Auszeichnung geehrt wurde, keinen reinlassen wird wie in fünf der sechs Spiele zuvor? Es sollte sein Spiel werden, diese Finale von Yokohama: Kahn gegen Rivaldo, Ronaldo und Ronaldinho, die besten Stürmer der Welt. „Sie müssen mich erst überwinden und zeigen, ob sie es fertig bringen“, hat er gesagt.

Und es wurde sein Spiel.

Es waren noch keine Tore gefallen, als Rivaldo nach 66 Minuten von kurz hinter der Strafraumlinie auf das deutsche Tor schoss. Der Ball kam gut für Kahn, genau in die Mitte des Tores. Kahn beugte sich vor, öffnete die Arme, der Ball sprang ihm vor die Brust, aus den Armen und Ronaldo vor die Füße. Diesmal war es nicht schwer für den Brasilianer, den besten Torhüter der Welt zu bezwingen. In der ersten Halbzeit hatte er dreimal vor ihm gestanden, dreimal war er gescheitert. Ronaldo, der beide Tore gegen Kahn und die Deutschen erzielte, stand 1998 schon einmal im Weltmeisterschafts-Finale. Er spielte damals, obwohl er am Vormittag eine Art epileptischen Anfall gehabt hatte und sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Eigentlich spielte er nicht. Eigentlich besetzte er nur einen von elf Plätzen in seiner Mannschaft. Brasilien verlor 0:3 gegen Frankreich, aber vier Jahre später erfüllte er sich seinen Traum. Oliver Kahn hat eine ähnliche Situation erlebt. 1999 verlor er mit dem FC Bayern in letzter Minute das Finale der Champions League. „Das eine kann man mit dem anderen nicht vergleichen“, sagte Kahn. Das 1:2 gegen Manchester war „eine Niederlage, die einen ganz anderen Charakter hatte“, die Bayern hatten den Pokal ja eigentlich schon. Zwei Jahre lang dachte Kahn jeden verdammten Tag an dieses Spiel – so lange, bis er die Champions League endlich gewonnen hatte. Vor zwei Wochen ist Oliver 33 geworden, bei der nächsten WM wäre er knapp 37. „Was in der Zukunft ist, das weiß ich heute noch nicht“, sagte er.

Als das Spiel zu Ende war, nahm Kahn seine Trinkflasche, warf sie in die Maschen des Tornetzes, seine Handschuhe gleich hinterher. Seine rechte Hand schmerzte. In der zweiten Halbzeit hatte er sich im Finger der rechten Hand ein Band gerissen, er wird wohl einige Wochen ausfallen, „aber jetzt ist ja erst mal Urlaub". Kahn lehnte sich an den Pfosten und wartete. Vermutlich ahnte er, dass sie alle kommen würden, erst Thomas Linke, sein Kollege vom FC Bayern, dann der Rest der Mannschaft. „Das passiert“, sagte Carsten Ramelow.

„Absolut keinen Vorwurf“ habe es von den Kollegen gegeben. Das wäre auch nur schwer zu vermitteln gewesen. „Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir überhaupt hier waren“, sagte Torsten Frings. Schließlich kam auch Pierluigi Collina, der Schiedsrichter, zu ihm an den Pfosten. „Es gibt keinen Trost in so einer Situation“, sagte Kahn. „Da kannst du sagen, was du willst.“ Collina war bei Bayerns Niederlage gegen Manchester Schiedsrichter, beim 1:5 der Deutschen gegen England und jetzt im WM-Finale. „Er bringt uns kein Glück“, sagte Kahn.

Die 2000 deutschen Fans hinter Kahns Tor riefen nach dem Spiel „Oli, Oli". Früher wurde er mit Bananen beworfen. Perfektion schätzen die Leute nur bis zu einem gewissen Grade, dann wird sie ihnen unheimlich. Kahn hatte zuletzt etwas Roboterartiges, der Fehler im Finale, dieser entscheidende Fehler, hat ihn wieder zum Menschen gemacht. „Das war der einzige Fehler, glaub’ ich, den ich in sieben Spielen gemacht habe“, sagte Kahn, „und der ist bitter bestraft worden.“ Es war mehr als ein Fehler, es war auch ein schlechtes Zeichen.

„Wenn Oliver Kahn einen Fehler macht“, sagte Torsten Frings, „dann soll es eben nicht sein, dass wir Weltmeister werden.“

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