Sport : Zurück zum Sport Rad-Verband will heute die WM-Boykotteure bestrafen

Tobias Erlemann

Berlin. Es wird ziemlich laut zugehen heute Abend. Da ist sich Sylvia Schenk sicher. Aber die Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) debattiert mit ihren Kollegen aus der Führungsetage des BDR ja auch über ein brisantes Thema. Was passiert mit jenen Mitgliedern des Vierers, die sich bei der Bahnrad-WM in Stuttgart geweigert haben, aufs Rad zu steigen? „Wir werden sehr intensiv über den Vorfall und deren Folgen reden“, sagt die BDR-Präsidentin. Die Folgen? Die betroffenen Fahrer, vier Mann aus Thüringen, werden vom Verband bestraft, das gilt als sicher. Bis jetzt sind Jens Lehmann, Sebastian Siedler und Christian Bach nur von ihrer Heim-Mannschaft, dem Team Köstritzer, suspendiert worden. Daniel Becke hat von seinem Arbeitgeber, Jan Ullrichs Team Bianchi, noch nichts gehört. Der BDR wird die Vier nun möglicherweise sogar aus dem Verband werfen. Damit hätten sie keine nationale und internationale Startberechtigung mehr.

Aber es geht um mehr, um die Frage, ob dieser BDR nicht seine Strukturen ändern muss. Sylvia Schenk deutet an, dass etwas passieren müsse. Es war die undurchsichtige Nominierungspraxis, die den ganzen Streit auslöste. Jens Lehmann aus Gera durfte in Stuttgart nicht im Einzel starten, obwohl er sich als Zweiter der Deutschen Meisterschaft offiziell für die WM qualifiziert hatte. Stattdessen fuhr der Berliner Robert Bartko, obwohl er sich nicht qualifiziert hatte. Aber im letzten WM-Test war er nach Ansicht von Bundestrainer Bernd Dittert halt stärker. Lehmanns Landestrainer Jens Lange machte daraus ein grundsätzliches Duell Thüringen gegen Berlin und rief die vier Thüringer Mitglieder des siebenköpfigen Vierer-Kaders zum Streik auf. Zurück blieben drei ratlose Berliner Athleten. Der Eklat war da.

Sylvia Schenk ist offensichtlich selbst nicht zufrieden mit dieser Nominierungspraxis. Aber sie warnt: „So eine Strukturänderung braucht viel Zeit. Die wird nicht an einem Abend zu lösen sein.“ Wie denn auch. Denn eigentlich schwelt der Streit ja schon seit Jahren, die Nichtberücksichtigung von Lehmann war nur der letzte Punkt einer ganzen Serie von Konflikten. Umstrittene Einsätze werden seit langem beklagt, im Fall Lehmann kam verschärfend ein privater Konflikt zwischen den Trainern Dittert und Lange hinzu.

Doch allzu viel Zeit kann sich der BDR nicht lassen. Der Imageschaden ist groß, und das spielt eine große Rolle in einer Zeit, in der Verbände hart gegeneinander um Sponsoren und Fernsehminuten kämpfen. Im medialen Sog der Tour de France hätten die Bahnradfahrer viel Werbung für sich machen können. Stattdessen überschattete der Streit die Berichterstattung. Kein Wunder also, dass Sylvia Schenk sagt: „Wir müssen so schnell wie möglich den Sport wieder in den Mittelpunkt rücken.“

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