Sport : Zurückhaltende Belgier: EM-Countdown - Vorfreude sieht anders aus

Oliver Trust

Es ist kein großes Geheimnis. Die Belgier mögen die Holländer nicht besonders leiden. Und umgekehrt. Ähnlich wie bei Deutschen und Österreichern. In Holland erzählen sie mit Vorliebe Belgierwitze. Der kleine Nachbar wird ziemlich respektlos behandelt. Nun haben die Belgier mit Skandalen um Kinderschänder, korrupte Politiker und Wirtschaftsbosse ihren Teil zum schlechten Ruf beigetragen. Und sie erzählen viele Witze drüben bei den "Oranjes". In Brüssel weiß niemand so richtig, wie man sich dagegen wehren sollte. Selbst das Endspiel dieser gemeinsamen Europameisterschaft am 2. Juli haben die Holländer bekommen. Für Belgien blieben die Eröffnungspartie heute Abend in Brüssel gegen Schweden (20.45 Uhr live im ZDF) und der ausgeprägte Minderwertigkeitskomplex.

"Man muss das zugeben, ohne die hätten wir die EM nie bekommen, es gibt sie für uns nur mit ihnen zusammen", sagt Paul van Himst. Er muss es wissen, er ist so etwas wie der Franz Beckenbauer von Belgien. Ein Idol. Van Himst hat viele Spiele gespielt - gegen die da drüben. Wenn es darauf ankam, ging es schlecht aus. 1980, das ist lange her, als Belgien mit ihm das EM-Finale gegen Deutschland verlor.

Seitdem hat das sportliche Tief die Freude der Belgier am Fußball getrübt. Vielleicht liegt es daran, dass Brüssel vor der EM eigentlich ausschaut wie immer. Selbst van Himst schaut auf dem "Grote Markt" eingerahmt von historischen Häuserfassaden etwas verloren aus. "Die Begeisterung wird schon kommen, wenn es losgeht. Wir Belgier gehen langsam ran, aber es kommt", verspricht das Rad-Idol Eddy Merckx. Den haben sie wie van Himst herbeigezerrt zu einer Werbeveranstaltung mit riesigen Fußbällen. Einen Tag später hatten hier wieder die Blumenfrauen mit ihren kräftigen Stimmen das Sagen.

Um die Ecke steht der berühmteste Belgier, Männeken Pis. Für einen Tag bekommt das Wahrzeichen eine EM-Uniform übergestülpt. Dann darf er wieder nackt pinkeln. Das Atomium, 1958 zur Weltausstellung aufgebaut, wollten sie schmücken. Neun Bauteile als Fußbälle, eine nette Idee. Sie haben es doch sein lassen. Die Straßen sind nur spärlich geschmückt. Wenig sieht nach einem Fest aus. Nur in der gemütlichen Innenstadt mit ihren Gassen und den vielen Läden sind ein paar Transparente zwischen den Häusern gespannt. "Euro 2000" steht darauf. Ein wenig Bunt, viel schlichtes Weiß.

In der Rue des Bouchers und in der Rue de Flandre aber geht es vor dem Fußball zuerst um andere Dinge. Der Umsatz muss stimmen bei den Souvenirhändlern und Restaurants. Der EM und ihrer Anziehungskraft trauen sie nicht: Nur ein paar der berühmten belgischen Pralinés sehen in diesen Tagen wie Fußbälle aus, ein einsamer Fußballschuh aus Schokolade steht in der Auslage. "Das hier ist bald vorbei, dann will keiner mehr Souvenirs der EM", klagt einer. Vorfreude klingt irgendwie anders.

Wer anders als die Holländer macht den Belgiern das vor. Fast typisch für das Verhältnis. Hier Lebenslust und Fenster ohne Vorhänge, dort Fensterläden und Zweifel. Langsam wächst bei den zurückhaltenden Belgiern heran, was einmal Begeisterung sein soll. Ein Sponsor hat die Wartehäuschen der Bushaltestellen wie Tore dekoriert. Latte, Pfosten und ein Netz.

"Vielleicht freuen sich die Leute etwas mehr, wenn wir gewinnen", sagt Schalkes belgischer Stürmer Marc Wilmots. "Es ist ein bisschen schwierig mit den Belgiern", erklärt er. "So eine richtige Nation sind wir nicht. Nur wenn der König stirbt und dann auch nur für eine halbe Stunde."

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