Sport : Zwei Argentinier in Barcelona

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Von Martín E. Hiller

Der Ablauf kommt einem irgendwie vertraut vor: Der Junge wächst auf in den Slums von Buenos Aires und fängt bei den Argentinos Juniors mit dem Fußballspielen an. Bald wechselt er zum Kultverein Boca Juniors, wird aufgrund seines außergewöhnlichen Talents Landesmeister und Ikone des Publikums und schafft schließlich den Sprung nach Europa, wo er gleich beim großen FC Barcelona kickt. Dies ist nicht nur die Geschichte von Diego Armando Maradona, sondern auch die von Juan Roman Riquelme, der sich in dieser Woche mit der Unterzeichnung eines Fünfjahresvertrages – nach insgesamt einjährigen Verhandlungen – bei dem katalanischen Edelverein einen Kindheitstraum erfüllte. „Ich möchte beim FC Barcelona spielen, weil Diego dort gespielt hat“, hat Riquelme einem Mitspieler bei den Argentinos Juniors anvertraut – damals war er gerade zehn Jahre alt.

Schon im vergangenen Jahr wechselte ein Argentinier zu den Katalanen, der seiner Fähigkeiten wegen gern mit Maradona verglichen wird: Javier Saviola, der 2001 ebenso Weltmeister mit Argentiniens Junioren wurde wie Riquelme 1997. Dennoch durften sie beide im vergangenen Monat nicht mit zur Weltmeisterschaft fahren, da der damalige Nationaltrainer Marcelo Bielsa in seinem System keinen Platz für sie hatte. Vielleicht ein Fehler: Argentinien zeigte bei der WM technisch starken, sehr druckvollen Fußball und hatte eine unüberwindliche Abwehr, die aus dem Spiel heraus kein Gegentor zuließ. Allein, die Argentinier schossen selbst zu wenig Tore, nämlich gerade eines, und schieden deswegen bereits in der Vorrunde aus. Die beiden Barcelonistas hätten dieses Manko vielleicht beheben können. Saviola ist mit einem exzellenten Torriecher ausgestattet, war in seinem ersten Jahr bei Barça mit neun Treffern schon der zweitgefährlichste Angreifer – und das trotz der Konkurrenz durch Rivaldo, Luis Enrique, Overmars und Kluivert, der 16-mal traf. Riquelme ist der dazu passende exzellente Vorbereiter. Er kontrolliert den Ball in jeder Situation, vom Gegenspieler bedrängt oder nicht, ob mit der Sohle oder dem Außenrist, und kommt immer wieder zum Torschuss oder, was er noch lieber hat, zum entscheidenden Pass. Auf diese Weise haben er und sein kongenialer Partner Martin Palermo unzählige Tore für Boca produziert. „Riquelme ist der beste Spielmacher der Welt, er bestimmt das Tempo des Spiels, wie er will“, sagt der frühere Trainer von Boca, Carlos Bianchi. Riquelme ist Südamerikas Fußballer des Jahres, und in Barcelona spielt er nun erstmals in einer Mannschaft mit Saviola, der ebenfalls große Stücke auf seinen introvertierten Landsmann hält. „Er ist ein begnadeter Spieler, der überall Erfolg haben kann.“

Die Anhänger des FC Barcelona können sich also auf viele, schön herausgespielte Tore freuen – wenn der Verein ein Problem löst, das durch die Verpflichtung von Riquelme entstanden ist: Nachdem der in Barcelona mittlerweile ungeliebte Brasilianer Rivaldo ankündigt hatte, seinen Vertrag erfüllen und nicht zu Lazio Rom wechseln zu wollen, besitzen die Katalanen zusammen mit Rivaldos Landsleuten Geovanni und Rochemback nun fünf Nichteuropäer – in Spanien sind aber nur vier erlaubt. Barcelona bemüht sich jetzt um ein Geschäft mit Lazio Rom, das seinen spanischen Nationalspieler Gaizka Mendieta gerne gegen Rivaldo tauschen würde.

So oder so – beim FC Barcelona gelten Riquelme und Saviola als die Zukunft. Auch in der Nationalelf könnten die beiden Ausnahmespieler mit anderen jungen Talenten wie Pablo Aimar oder Walter Samuel bald das Gerüst der Mannschaft bilden. Vielleicht werden sie eines Tages dann auf eine ähnlich glanzvolle Karriere in der Selección zurückblicken wie dieser andere Junge aus den Slums von Buenos Aires.

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