Sport : Zwei Brasilien

Der Weltmeister besteht aus einem offensiven und einem defensiven Team

-

Ronaldinho hatte Gesprächsbedarf. Gerade lag ein Spieler Ghanas verletzt auf dem Rasen, da trabte der Mittelfeldstar der Brasilianer zu Ronaldo. Es entwickelte sich ein kurzes, intensives Gespräch. Die Gestik beider Spieler ließ darauf schließen, dass es um Laufwege ging und das dazugehörige Passspiel. Es stand zwar schon 1:0 für die Brasilianer im Achtelfinale gegen Ghana – der Endstand lautete 3:0 – , aber flüssig wirkte das Spiel der Selecao nicht. Etwa eine Minute später bekam Ronaldinho den Ball aus der Abwehr zugespielt, wollte ihn sofort weiterleiten auf Ronaldo, doch der startete genau in die andere Richtung. Der Ball rollte zum Gegner, die Kommunikation der beiden Stars schien fehlgeschlagen.

Die Brasilianer haben zwar das Viertelfinale erwartungsgemäß erreicht und treffen heute Abend in Frankfurt auf Frankreich, doch die Welt ist unzufrieden mit ihrer Lieblingsmannschaft, dem viermaligen Weltmeister: Er zaubert zu wenig und muss sich im Stadion Pfiffe anhören. Trainer Carlos Alberto Parreira gilt nicht als Freund des Samba-Fußballs, trotzdem gab er zu: „Unser Passspiel ist hastig statt schnell“, und erklärte: „Schnell heißt, den Ball rasch weiterzugeben, aber auf kontrollierte Art und Weise.“ Sein Fazit über die bisherige Leistung: „Unsere Abwehr steht sicher, das Problem liegt weiter vorne.“

Den Kritikern war selbst diese Selbstkritik zu wenig, und so gab es nach dem Spiel gegen Ghana auch Stimmen, die Brasiliens Abwehr zu durchlässig gesehen haben wollten. Dabei könnte man bei dieser WM auch die Ansicht vertreten, dass die Brasilianer nur versuchen, geordnet und effizient durch das Turnier zu kommen. Um sich, wenn es wirklich drauf ankommt, auf diese Ordnung stützen zu können. Richtig ist: Noch gibt es so etwas wie zwei brasilianische Mannschaften, die nicht zueinander gefunden haben. Die eine Mannschaft besteht eher aus Künstlern wie Ronaldo, Ronaldinho, Kaka oder Robinho. Das andere wird getragen von den defensiver ausgerichteten Lucio, Juan, Emerson oder Zé Roberto. Die einstigen Stars aus diesem Team, also aus der Defensive, Roberto Carlos und Cafu, sind nur noch Erfüllungsgehilfen der neuen Anführer. Sie heißen Lucio und Zé Roberto und bilden eine starke Achse zwischen Innenverteidigung und defensivem Mittelfeld. Das ist das Interessante und gleichzeitig Langweilige an diesen Brasilianern. Sie verzichtet zugunsten des sicheren Spiels auf einen Teil ihrer Offensivkraft.

Was bisher nicht so funktionierte, ist das flüssige Spiel nach vorne. Da auch Ronaldinho oft weiter hinten steht als beim FC Barcelona, sind die Wege nach vorne weiter. Der Aufbau dauert länger. Wenn, wie Parreira kritisiert, zu hastig gespielt wird, gehen viele Bälle verloren. Manchmal warten die Brasilianer auch nur darauf, dass einer ihrer Stürmer in die Räume der Viererkette stößt. Dann folgt der steile Pass in die Spitze. Gegen Ghana hat das geklappt, ausgepfiffen wurden die Brasilianer trotzdem.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben