Sport : Zwei Deutsche und ein schottisches Problem

Der Druck wächst auf Nationaltrainer Berti Vogts – sein Freund Rainer Bonhof genießt sehr viel höhere Wertschätzung

Katharina Strobel

Glasgow. Schottische Journalisten können ganz schön gemein sein. Schon vor einem Jahr, nach der 0:2-Heimniederlage gegen Irland, rieten die Kollegen vom Glasgower Boulevard ihrem Fußball-Nationaltrainer zu einem beruflichen Neuanfang. In fingerhohen Buchstaben druckten sie die Telefonnummer des Berliner Arbeitsamtes ab.

Vielleicht wünscht sich Berti Vogts heute im Stillen, er hätte den Rat damals befolgt. Es wäre ihm manche Kränkung erspart geblieben. Nach dem jüngsten Fiasko – dem 0:4-Debakel der schottischen Nationalmannschaft in Wales – lastet der Erfolgsdruck mehr denn je auf Vogts. Heute treffen die Schotten in Glasgow auf Rumänien, und wenn es diesmal kein Erfolgserlebnis gibt, wird Vogts nur noch schwer zu halten sein.

Zwei Jahre nach seinem Start als erster ausländischer Trainer lässt die öffentliche Unterstützung bedenklich nach. Der schottische Fußballverband (SFA) stellt sich zwar hinter den Deutschen, aber zu einer Wertung der bisherigen Amtszeit ihres Spitzenmannes ist er nicht bereit. Celtic Glasgows ehemaliger Nationalspieler Charlie Nicholas glaubt nicht mehr daran, dass es für die schottische Elf unter Vogts noch Hoffnung gibt. „In den zwei Jahren haben wir gesehen, dass er nicht in der Lage ist, ein Team zusammenzustellen", sagt der 42-Jährige, der in seiner Heimat ein gefragter Kolumnist ist. Stephen Halliday, Sportjournalist bei der Tageszeitung „The Scotsman“, meint, die Ursache des Problems erkannt zu haben: „Berti Vogts kann einfach nicht kommunizieren. Weder mit den Spielern noch mit der Presse."

Es liege nicht an der fremden Sprache, sondern an einem Defizit an klaren Konzepten. Halliday glaubt auch, dass der Deutsche die Mentalität der Spieler nicht erfasst: „Schottische Fußballer brauchen Ermutigung und Einfühlungsvermögen, Vogts ist zu pragmatisch.“ Schließlich gehe es bei dem Job darum, einer Fußball begeisterten Nation den Erfolg in einem Sport zurückzugeben, den sie nach eigener Auffassung selbst erfunden hat. Die Stimmung ist so schlecht, dass Vogts auch seine bis dato als positiv anerkannte Eigenschaft – den Mut, junge und unerfahrene Spieler zu testen – nachteilig ausgelegt wird. „Vogts verbraucht die jungen Talente", kritisiert Journalist Halliday.

Während die Medien noch auf Vogts einhämmern, das schlechteste je gegen Wales erzielte Ergebnis beweinen und über potenzielle Nachfolger spekulieren, arbeitet Rainer Bonhof an der schottischen Mission. Ihn loben die Beobachter des Spiels in den höchsten Tönen. Der 52-jährige Ex-Gladbacher, der seinem langjährigen Freund und Kollegen vor anderthalb Jahren als Coach der U21 nach Schottland gefolgt war, genießt höchsten Respekt der schottischen Fußballszene. Als erster Vollzeit-Trainer der Junioren verkörpert Bonhof die Hoffnung der Nation – denn gerade in diesen Wochen, da ein schottischer Klub nach dem anderen unter dem Druck wirtschaftlicher Probleme gesteht, er habe zu lange zu viel Geld für ausländische Spieler ausgegeben, gucken die Schotten gebannt auf die Jüngsten. „Das Talent ist da“, sagt Rainer Bonhof. Er sagt das nicht nur, er zeigt es. „Zwischen der Junioren-Mannschaft und Bonhof herrscht tiefes Vertrauen. Man spürt ihren Respekt vor dem Trainer, ihre enge Verbindung“, sagt Halliday.

Vogts bemüht sich, sucht das Gespräch mit den Fans – aber am Ende zählen die Ergebnisse auf dem Spielfeld. „Was wir sehen, ist dass die Spieler unter Vogts schlechter spielen als auf Klubebene", urteilt der 25-jährige Darryl Broadfoot, Sportreporter bei der Tageszeitung „The Herald“, der wie Halliday und Nicholas meint, es mangele dem Deutschen an Kommunikationsvermögen. Dieses Defizit hat auch der schottische Verband als leistungshemmend ausgemacht. Eine Entlassung aber würde äußerst teuer werden. Vogts’ Vertrag läuft noch bis 2006.

Bei Bonhof sieht es anders aus, sein Vertrag läuft nur bis zum Ende dieser Saison. Bonhof möchte bleiben, aber noch sind die Verhandlungen mit dem schottischen Verband nicht zu einem Ergebnis gekommen. Für Reporter Darryl Broadfoot liegt die Lösung auf der Hand: „Können Vogts und Bonhof nicht einfach die Jobs tauschen?“

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