Sport : Zwei Gestalten, kein Gestalter

André Görke

Fußballfans wählen in den Stadien oft kernige Worte. "Frohe Ostern, wir haben die dicksten Eier!" Die Fans des Bundesligisten Hertha BSC hatten diesen Ostergruß vor drei Jahren auf ein Transparent gemalt, beim Auswärtsspiel in Mönchengladbach. Am vergangenen Sonnabend spielte Hertha BSC wieder auf dem Bökelberg, und die Berliner Anhänger hatten auch diesmal ein Transparent mitgebracht. "Ohne Deisler werden wir Meister!"

Hertha verlor 1:3 bei Borussia Mönchengladbach, und es ist wahrlich keine kühne These, dass in fünf Wochen nicht in Berlin sondern in einer anderen Stadt gefeiert wird. Hertha BSC wird wohl kaum Deutscher Meister werden. Auch nicht ohne Sebastian Deisler.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de In Mönchengladbach hatte der Nationalspieler erstmals wieder neunzig Minuten durchgespielt. Auf der rechten Seite, offensiv, fast wie ein Stürmer. Deisler fehlte die Bindung zum Team. Gut spielte er nicht, nicht einmal ordentlich. Auch seine Kollegen hatten einen schlechten Tag erwischt. Doch der Frust der Hertha-Fans entlädt sich allein an seiner Person. Pfiffe vor einer Woche gegen Nürnberg, Pfiffe auch in Mönchengladbach. Deisler sagt: "Das muss wohl so sein." Der 22-Jährige wechselt im Sommer zu Bayern München. Die Fans ärgern sich darüber, dass er seinen Wechsel erst öffentlich machte, als bekannt wurde, dass die Bayern 20 Millionen Mark auf sein Konto überwiesen hatten.

In Berlin wurde Deisler in den vergangenen Monaten nicht besonders vermisst. Nachdem sich der 22-Jährige im Oktober am Knie verletzt hatte, übernahm Marcelinho dessen Rolle im zentralen Mittelfeld. Der Brasilianer machte diesen Job sehr ordentlich. Und weitaus besser als in den Spielen, in denen er noch gemeinsam mit Deisler auf dem Platz gestanden hat. Als Deisler auf der Tribüne saß, war allein Marcelinho der Chef auf dem Platz. In diesen 18 Bundesligaspielen blieb Hertha BSC 16 Mal ungeschlagen. Marcelinho hatte einen erheblichen Anteil an dieser Leistung. In Gladbach standen wieder zwei Spielgestalter auf dem Platz, und plötzlich spielte die Mannschaft wie zu jenen Zeiten, die sie bei Hertha längst hinter sich glaubten. Marcelinho war eingeengt, Deisler durchkreuzte immer wieder sein Revier. Marcelinho hob ratlos die Arme.

Deisler hatte in Gladbach den Platz von Stürmer Alex Alves eingenommen, der sich vor einer Woche einen Muskelfaserriss zugezogen hatte. In wenigen Wochen wird Alves wieder spielen, und da er zuletzt überzeugte, wird Herthas Trainer Götz ungern auf ihn verzichten wollen. Nur wen, bitteschön, wird Götz dann auf der Bank sitzen lassen? Denis Lapaczinski, der wegen Rückenproblemen ausgefallen war, wird für Schmidt ins Team rutschen. Hartmann wäre ein Kandidat. Nur spielt der leider auf der falschen, nämlich linken Seite. Die Balance in der Mannschaft ist durch die Hereinnahme von Deisler durcheinander geraten. Einge Spieler scheinen nicht zu wissen, was von ihnen im Spiel gefordert wird, und wie sie einen Mann wie Deisler einbinden sollen.

Auf der Gladbacher Haupttribüne hatte auch Rudi Völler Platz genommen, der Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. "Nach so einer langen Verletzungspause kann man von Deisler keine Wunderdinge erwarten", sagte Völler. "Ich habe mich überzeugt, dass Sebastian körperlich wieder fit ist." Ein guter Spieler ist Deisler schon. Sonst hätten ihn die Bayern schließlich nicht verpflichtet.

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