Sport : Zwei Plätze sind noch offen

Heute nominiert Jürgen Klinsmann sein WM-Aufgebot – ein Rückblick auf unsere Vorschläge

Stefan Hermanns

Berlin - Am Anfang war der Irrtum. Jens Nowotny müsse sich keine Hoffnungen mehr auf eine Teilnahme an der Weltmeisterschaft machen, hieß es im September, als der Tagesspiegel zum ersten Mal sein deutsches Aufgebot für die neun Monate später beginnende WM bekannt gab. „Es sei denn, er klagt sich in den Kader ein.“ So, wie es aussieht, hat Nowotny, Innenverteidiger von Bayer Leverkusen, auch ohne den Einsatz juristischer Mittel die Teilnahme bei der WM sicher. Der 32-Jährige ist Favorit für den letzten freien Platz in der deutschen Abwehr. Im September hätte niemand damit gerechnet, dass Nowotny noch einmal in die Nationalmannschaft zurückkehren würde. Er war am Knie verletzt und machte allenfalls noch mit Klagen gegen seinen Verein auf sich aufmerksam. So kann man sich täuschen.

Monat für Monat, jeweils am Neunten, hat der Tagesspiegel ein bisschen Jürgen Klinsmann gespielt. Achtmal haben wir dem Bundestrainer geraten, welche 23 Spieler er aktuell nominieren müsste. Heute Mittag ist dies alles Geschichte: Um 13 Uhr gibt Klinsmann in Berlin seinen Kader bekannt. Große Überraschungen wird es vermutlich nicht geben. 21 der 23 Plätze gelten als vergeben. Nur der vierte Innenverteidiger und der fünfte Stürmer werden noch gesucht. Für die Abwehr kommen neben Nowotny der Kölner Lukas Sinkiewicz und der Mainzer Manuel Friedrich in Frage. Im Angriff konkurrieren Oliver Neuville (Borussia Mönchengladbach) und Mike Hanke (VfL Wolfsburg) um die letzte freie Stelle.

Es war eine amüsante Spielerei, sich jeden Monat aufs Neue den Kopf von Jürgen Klinsmann zu zerbrechen. Angefangen hat es eigentlich schon am 2. Juli 2002, als der Kopf noch Rudi Völler gehörte. Zwei Tage zuvor hatte er mit der deutschen Nationalmannschaft im Endspiel der Weltmeisterschaft gestanden, das nächste Turnier würde in Deutschland stattfinden, und angesichts einer Vielzahl junger Talente waren die Aussichten rosig. Inzwischen wissen wir, dass es anders gekommen ist. Und inzwischen wissen wir auch, dass die damals auserkorenen Benjamin Auer, Denis Lapaczinski und Sebastian Schindzielorz es nicht ganz ins definitive Team 2006 geschafft haben – im Gegensatz zu, vermutlich, Arne Friedrich, Fabian Ernst, Timo Hildebrand und Tim Borowski.

Der zweite Versuch des Tagesspiegels, am 9. Juli 2005, exakt ein Jahr vor dem Finale von Berlin, war dann mit wahrscheinlich 19 Richtigen schon etwas realitätsnäher – auch ein Beleg dafür, dass Klinsmann seine Experimentierphase im vergangenen Sommer bereits weitgehend beendet hatte. Von den dort genannten 23 Spielern werden wohl nur die Namen Thomas Hitzlsperger (zu unauffällig), Sebastian Deisler (verletzt), Dietmar Hamann (zu alt) und Christian Wörns (zu vorlaut) heute nicht von Klinsmann verlesen werden. Dafür aber der von Marcell Jansen, der auch schon vor einem Jahr in unserem Kader stand, obwohl er zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Länderspiel bestritten hatte.

Jansen, mit 20 Jahren wahrscheinlich der jüngste Spieler im deutschen Kader, profitiert natürlich auch von der traditionellen Linksschwäche der Nationalmannschaft. Weil es auf seiner Position, hinten links in der Viererkette, wenig Konkurrenz gibt (eigentlich nur den Rechtsfuß Philipp Lahm), gehörte der Gladbacher zu den neun Spielern, die von uns immer nominiert wurden – neben unzweifelhaften Größen wie Ballack, Frings und Podolski (siehe Kasten).

Während Klinsmann sich bei seiner Auswahl eher von langfristigen Überlegungen leiten lässt, war unser fortlaufender Kader immer Ausdruck des aktuellen Leistungsstandes. Deshalb hat es auch Stefan Beinlich einmal zur WM geschafft oder Malik Fathi – und Mehmet Scholl. Der Münchner war von uns schon im Oktober als Joker nominiert worden, mit einer Einschränkung: „Die charmante Vorstellung, dass Scholl mit fast 36 Jahren seine erste WM spielt, wird aber wohl Wunsch bleiben.“ So ist es dann ja auch gekommen. Bei Manuel Friedrich waren wir wenigstens ein bisschen schneller als Klinsmann, der den Mainzer im März für das Spiel gegen die USA nominiert, aber nicht eingesetzt hat. Bei uns gehörte Manuel Friedrich schon im Januar zum Kader. Helfen wird ihm das heute aber wohl auch nicht mehr.

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