Sport : Zwei Prothesen und ein Traum Pistorius streitet mit IAAF über Olympiastart

Christian Tretbar

Berlin - Der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) hat Angst. Angst vor einer neuen Doping-Diskussion. Nur, dass es diesmal nicht um biochemische Zusatzstoffe geht, sondern um „technisches Doping“, wie es IAAF-Sprecher Nick Davies nennt. Und das alles, weil ein Mann eine kleine Revolution anstoßen will.

Oscar Pistorius heißt der Mann. Und er behauptet von sich selbst, „der Schnellste auf keinen Beinen“ zu sein. Der 20-jährige Südafrikaner hat zwei Unterschenkelprothesen aus Karbon. Bereits mit elf Jahren mussten ihm die Unterschenkel amputiert werden, weil er ohne Zehen, Fußballen und Wadenbeine geboren wurde. Mit den Prothesen kann Pistorius seiner Leidenschaft nachgehen: extrem schnell sprinten. Wie gut er das kann, hat er bereits bei den Paralympics 2004 in Athen gezeigt. Über 200 Meter holte er Gold und über 100 Meter Bronze. Doch seine liebste Distanz sind die 400 Meter. Wie über 100 und 200 hält er auch über 400 Meter mit 46,34 Sekunden den Weltrekord für behinderte Läufer. Pistorius weiß um seine Leistung und deshalb will er von der IAAF ein generelles Startrecht bei Weltmeisterschaften und bei Olympia. Sein Ziel ist die südafrikanische 4x400-Meter-Staffel 2008 in Peking.

Bei den Meetings in Rom und Sheffield konnte er sich am Wochenende durch Wildcards erstmals mit den Besten über 400 Meter messen. In Rom gewann er den B-Lauf und in Sheffield schaffte er es auf Platz sieben. Allerdings wurde er dort nachträglich disqualifiziert, weil er die Bahn verlassen haben soll. Außerdem beschwerte er sich über abfällige Kommentare von Offiziellen. Das alles muss Pistorius so geärgert haben, dass er zum Rundumschlag gegen die IAAF ausholte. Der Verband agiere „amateurhaft“ und „wie das FBI“. Außerdem arbeite die IAAF gegen ihn statt mit ihm. „Das ist Quatsch“, entgegnet Davies. Nur der Fall ist ziemlich vertrackt und deshalb will der Verband mit einer wissenschaftlichen Untersuchung herausfinden, ob Pistorius durch seine Hightech-Prothesen einen Vorteil hat. Mit zwei Spezialkameras habe man seine Rennen gefilmt. „Die Aufnahmen werden gerade ausgewertet, aber es gibt schon interessante Erkenntnisse“, sagt Davies. Teilt man die 400 Meter beispielsweise in vier Teile à 100 Meter stelle man fest, dass er im dritten Teil „sagenhafte“ 10,8 Sekunden laufe. Außerdem habe er einen „aerodynamischen Vorteil“, weil er mit den Karbonfüßen länger in der Luft sei. Jetzt hat die IAAF den Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann von der Sporthochschule Köln um Rat gebeten. „Die IAAF ist an mich herangetreten, aber aus der Entfernung kann ich nichts sagen“, so Brüggemann. Die IAAF will Pistorius vorschlagen, die Prothesen und sein Laufverhalten von Brüggemann untersuchen zu lassen.

Wie sich die IAAF entscheidet, ist noch nicht klar. Pistorius wäre aber nicht der erste behinderte Sportler bei Olympia. So gewann der Amerikaner George Eyser 1904 mit einem Holzbein Gold in St. Louis im Turnen. Zuletzt startete die sehbehinderte Marla Runyan über 1500-Meter in Sydney. Doch für Davies sind das andere Fälle: „Die hatten keinen technischen Vorteil.“ Genau den befürchten sie aber bei Pistorius. Mehr noch. Davies warnt vor einem technischen Wettstreit: „Es darf nicht so weit kommen, dass man seine Füße wechselt wie bei einem Boxenstopp in der Formel 1.“ mit dpa

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