Zwei Seiten der Paralympics : Der Kampf um volle Ränge

Noch nie war das Team Brasilien so groß – genau wie die sportliche Hoffnung. Doch der Gastgeber hat auch mit einigen Problemen zu kämpfen.

Lisa Kuner
Wie voll werden die Stadien bei den Spielen? Bei den Testwettkämpfen gab es im Olympiastadion „Engenhão" gute Stimmung, aber leere Ränge.
Wie voll werden die Stadien bei den Spielen? Bei den Testwettkämpfen gab es im Olympiastadion „Engenhão" gute Stimmung, aber leere...Foto: Thilo Rückeis

Ich glaube wirklich daran, dass wir bei den Paralympics zu den fünf besten Ländern gehören werden“, sagt die 20-jährige Sprinterin Verônica Hipólito. Denn Platz fünf in der Nationenwertung ist erklärtes Ziel des Nationalen Paralympischen Komitees Brasiliens. Hipólito ist eine von Brasiliens großen Medaillenhoffnungen für die Paralympics. Insgesamt 278 brasilianische Athleten starten bei den Weltspielen der Menschen mit Behinderung. Das ist das bisher größte Team der brasilianischen Geschichte. Schon 2012 in London landeten die Brasilianer auf Platz sieben im Medaillenspiegel, nach hartem Training und mit vielen jungen Talenten soll das Ergebnis jetzt im eigenen Land noch besser werden. Zu den ganz großen Stars gehören der Schwimmchampion Daniel Dias, der Läufer Alan Fonteles und die Sprinterin Terezinha Guilhermina.

Hipólito wünscht sich, dass die Paralympics dazu beitragen, eine bessere Sportkultur im Land zu schaffen, und auch zeigen, welche Vielfalt der Sport bietet. „Weniger populäre Sportarten kommen in den Medien leider oft noch zu kurz“, meint der 28-jährige Jefferson Santos aus São Paulo, der ein großer Sportfan ist. „Wir sind eine Fußballnation – und darüber zu berichten bringt am meisten Geld“, kritisiert auch die 21-jährige Journalismus-Studentin Hymelle Fernanda. Hier hat schon Olympia etwas bewegt, auch über weniger bekannte Sportarten wurde viel berichtet. Während im deutschen Fernsehen oft von Kritik und Problemen gesprochen wurde, inszenierten die brasilianischen Medien die Spiele aber als perfektes Event.

Zu viele Brasilianer mit Behinderung bleiben versteckt zu Hause

Leo Butija, der zwei paralympische Rollstuhl-Tennisspieler trainiert, fürchtet, dass das Interesse der brasilianischen Medien schon bei den Paralympics wieder einbrechen könnte. Verônica Hipólito hingegen hofft, dass die Paralympics die Situation von Menschen mit Behinderung verbessern könnten. Viel zu viele Brasilianer mit Behinderung bleiben versteckt zu Hause, es gibt nur wenige Partizipationsmöglichkeiten und Barrierefreiheit ist längst nicht überall gewährleistet.

Designer Fred Gelli möchte seinen Teil zu einer Verbesserung der Lage beitragen. Er entwickelte das erste multisensuale Logo: Die Paralympics werden durch ein Herz symbolisiert, in Rio de Janeiro steht eine dreidimensionale Skulptur, die bei Berührung pulsiert und hörbar schlägt. So ist das Logo mit unterschiedlichen Sinnen erfassbar. „Es gibt körperliche Einschränkungen, aber das Herz kennt keine Grenzen“, so erklärt Gelli seine Intention. Er hofft, dass die Paralympics die Situation von Menschen mit Behinderung ins Licht rücken. „Die jungen Menschen sollen verstehen, dass sie nicht die Schande der Familie sind“, meint er „sondern dass sie Helden der Nation werden können.“

Leider müssen sich die Paralympics noch einigen Problemen stellen. So gab es starke Budgetkürzungen etwa bei der Organisation. Seit dem Ende der Olympischen Spiele lockt das Organisationskomitee nun mit Sonderangeboten und startete eine Medienkampagne in den sozialen Netzwerken. Obwohl es nun die günstigsten Tickets schon zum Preis von drei Euro bis 36 Euro gibt, waren Anfang September nur die Hälfte der Karten verkauft – in London waren die Wettkampforte täglich voll.

Doch Designer Gelli findet, dass Brasilien zeigen könne, dass großer Sport eben auch durch Spontanität und Begeisterung getragen werde. „Unser Planet braucht ein solches Event in Rio, nicht zuallererst als Stadt, sondern als Repräsentant für Südamerika.“

Lisa Kuner, 21 Jahre

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