Sport : Zwei tanzen zur Medaille

Die Speerwerferinnen Obergföll und Nerius holen bei der WM Silber und Bronze

Die Bedeutung des Rasens in der Leichtathletik ist bisher eindeutig unterschätzt worden. Wenn nicht gerade ein Hammer angeflogen kommt, ein Speer oder Diskus, liegt der Rasen nur ruhig in der Mitte des Stadions wie ein Naturschutzgebiet. So konnte es einfach nicht bleiben, also schnappte sich Steffi Nerius ihre Kollegin Christina Obergföll und stürmte nach dem Speerwurfwettbewerb mit einer wehenden Deutschlandfahne den Platz, vorbei an verdutzt dreinschauenden Kampfrichtern und begleitet vom höflichen Applaus des japanischen Publikums in Osaka. Einmal quer über den Platz tobten sie, bis sie in der Ecke angekommen waren, in der sie die meisten Mannschaftskollegen und deutschen Zuschauer vermuteten, und sich dort tief verneigten. Dann tanzten sie zurück.

Diese Ausgelassenheit war wie ein siebter Wurfversuch, und es war von beiden der beste an diesem Abend. Jede wird diese Weltmeisterschaften von Osaka mit einer Medaille verlassen, Obergföll mit Silber und Nerius mit Bronze, aber auch mit der Erinnerung an ziemlich furchtbare Momente. Das fing bei Obergföll schon in der Qualifikation an, als sie die geforderte Weite von 61 Metern verpasste und nur wegen der Schwäche der Konkurrentinnen noch im Finale landete. Dabei hatte sie in diesem Jahr ihre Bestweite auf 70,20 Meter gesteigert und auch sonst einen weiten Wurf nach dem anderen rausgehauen. „Da war ich nervlich völlig am Ende“, erzählte Obergföll gestern noch, obwohl ihre Tränen eigentlich schon genug erzählt hatten. So mag es auch Steffi Nerius nach ihren ersten drei Würfen des Endkampfes gegangen sein. Sie wäre beinahe vorzeitig ausgeschieden, weil ihr bester Versuch gerade einmal 59,96 Meter weit war – eine ganze Klasse unter ihren Möglichkeiten.

Es ist am Ende doch noch gut gegangen, Obergföll gelangen in Durchgang sechs noch 66,46 Meter, Nerius steigerte sich auf 64,42 Meter und so erreichten sie das gleiche Ergebnis wie schon vor zwei Jahren bei der WM in Helsinki. Nur dass diesmal Nerius hinterher die Zeremonienmeisterin war, in Helsinki hatte sie Obergföll noch mit etwas Verbitterung an sich vorbeiziehen sehen, so wie es der großen Favoritin Obergföll nicht so recht passte, dass die Tschechin Barbora Spotakova ihr in Osaka mit 67,07 Metern den erhofften Weltmeistertitel wegschnappte. „Mir hat das Quäntchen Glück gefehlt, aber ich bin jetzt einfach nur froh, dass es vorbei ist.“

In diesem Finale ist ihr wohl einiges zu viel geworden, es sollte schließlich eine besondere Vorstellung werden, denn wann schaut schon einmal die Bundeskanzlerin bei der Leichtathletik vorbei? Angela Merkel war in Osaka auf der Durchreise, und da passte das Speerwerfen gut ins Programm. In diesen Tagen sind die Wurfdisziplinen ohnehin eine deutsche Domäne, die Speerwurfmedaillen waren schon die Medaillen Nummer fünf und sechs der deutschen Werfer in Osaka. „Man könnte uns unterstellen, wir wären eine Nation von Werfern und Autofahrern“, sagte der Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Eike Emrich.

Es wird Christina Obergföll ein bisschen ärgern, dass sie es als aussichtsreichste deutsche Athletin nicht bis ganz an die Spitze geschafft hat, Bundeskanzlerin hin oder her. Immerhin setzte sich Angela Merkel über das Protokoll hinweg und blieb noch ein bisschen länger, bis zum fünften Durchgang der Werferinnen. Nur das Schönste hat sie leider verpasst.

Berlin bereitet die Leichtathletik-WM 2009 vor: Seite 10

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