Sport : Zwei Tore vom Versager

Edus wundersame Wandlung in Bochum

Richard Leipold[Bochum]

Eduardo Goncalves steht noch am Anfang seiner Karriere. Dennoch hat der 23 Jahre alte Fußballprofi des VfL Bochum bereits viel erlitten. Bei seiner Premiere in der Bundesliga wurde er eingewechselt und zehn Minuten später wieder aus der Mannschaft genommen, nachdem er irrlichternd über den Rasen gelaufen war. Die Höchststrafe? Der Bochumer Cheftrainer Peter Neururer nahm den Verteidiger in Schutz. Nur aufgrund einer Sprachbarriere habe Edu nicht verstanden, was er zu tun und zu lassen hatte. Ein Dreivierteljahr später kam es noch schlimmer für den ersten Brasilianer des VfL. Im Rückspiel der ersten Uefa-Pokalrunde betrat er kurz vor Schluss den Rasen, mit dem Auftrag, die Abwehr zu stärken. Bochum führte gegen Standard Lüttich 1:0, das Weiterkommen schien sicher. Doch in der Nachspielzeit trat Edu im eigenen Strafraum über den Ball, die Belgier erzielten den Ausgleich, und Bochum versank in einem Meer von Tränen, das sich inzwischen zu einem gefährlicher Strudel entwickelt hat, der die Mannschaft vermutlich in die Zweite Liga reißen wird.

So sehr Edu sich im Training seitdem anstrengte – Neururer konnte ihn nicht mehr aufstellen, schon gar nicht im eigenen Stadion. Edu war nicht mehr salonfähig. Ein derart grober Fehler unterlaufe fast jedem Profi irgendwann, sagt er. „Mein Pech war, dass es mir am Anfang meiner Karriere passiert ist, ohne dass ich vorher durch gute Leistungen eine vergleichbare Aufmerksamkeit erreichen konnte.“ Noch immer werde er auf den Fauxpas gegen Lüttich angesprochen, seine Religion gebe ihm die Kraft, „daran zu wachsen“.

Vor dem Spiel gegen Wolfsburg (5:1) hatten viele den Abgesang auf den Revierklub vorbereitet. Dass Edu von Anfang an stürmte, passte zur Dramaturgie der Ereignisse. Der Brasilianer hatte Bochums Niedergang schon symbolisiert. Doch schoss er unversehens zwei Tore und hauchte seinem Klub, der zum Abstiegskandidaten geschrumpft ist, wieder Leben ein. Vom Versager zum Hoffnungsträger, vom Verteidiger zum Stürmer: Die Metamorphose des Eduardo Goncalves gehört zu den Rätseln des Fußballgeschäfts. Weisheiten aus dem Lehrbuch vermögen seinen Aufstieg nicht zu erklären. Der Stürmer, der aus der Abwehr kam, hat sich abgewöhnt, die Fährnisse des Fußballgeschäfts auf weltliche Art zu ergründen. „Mir geht es nur darum, ein kompletter und glücklicher Mensch zu werden“, sagt er. Ob ihm das in Bochum gelingt, ist zweifelhaft. Aber warum soll er es nicht versuchen – bei der Vorgeschichte?

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