Sport : Zwei Torhüter holen einen Titel

Das riskante Wechselspiel des Hockey-Bundestrainers im Finale der Europameisterschaft hat sich ausgezahlt

Claudia Klatt

Barcelona. Die Maßnahme war nicht nur umstritten, sie war auch höchst riskant. Da hatte also Stammtorhüter Clemens Arnold im Endspiel der Hockey-Europameisterschaft in Barcelona der deutschen Mannschaft gegen Gastgeber Spanien das 1:1 nach Verlängerung gerettet. Doch als es ins Siebenmeterschießen ging, nahm Bernhard Peters den Schlussmann vom Feld und wechselte dafür Christian Schulte ein. Der Bundestrainer konnte nach diesem Tausch die sich abzeichnende Aufregung der Außenstehenden gar nicht begreifen. „Zu unseren großen Stärken zählt, dass wir für jede Situation die richtigen Leute haben“, sagte Peters. Und der Mann, der die Siebenmeter abwehrt, ist bei den Deutschen eben Christian Schulte. Der 1,99 Meter große Torhüter parierte zwei Siebenmeter der Spanier und war damit maßgeblich daran beteiligt, dass Deutschland das Siebenmeterschießen mit 5:4 und damit die Europameisterschaft gewann.

Und nicht nur das: Zugleich löste die deutsche Mannschaft damit die Fahrkarte zu den Olympischen Spielen in Athen. Überraschend war der Erfolg indes nicht. Schließlich ist es der vierte EM-Titel in Serie. Überraschend war allenfalls, wie schwer es der deutschen Mannschaft fiel, die Spanier vor ihrem eigenen, begeistert mitgehenden Publikum zu bezwingen.

Der Plan, die Torhüter zu wechseln, war indes keine Ad-hoc-Entscheidung des Bundestrainers gewesen. Sie war lange zuvor schon ausgetüftelt und auch das eine oder andere Mal erprobt worden. Dass Schulte schließlich als Matchwinner gefeiert wurde, konnte Peters deshalb auch nicht mehr überraschen. „Dafür hat ihn der liebe Gott ja 20 Zentimeter größer gemacht. Und solche Ruhe zu haben wie er, das ist schon beachtlich“, sagte Peters und hatte dabei das typische Lächeln eines Siegers im Gesicht.

Während der regulären Spielzeit geriet die deutsche Mannschaft mehrfach in äußerst brenzlige Situationen. Sechs Strafecken galt es abzuwehren. Aber da war ja noch Torsteher Clemens Arnold zwischen den Pfosten. Der rettete in einigen brisanten Szenen und zeigte sich dabei extrem nervenstark. „Clemens’ Fähigkeiten im Feldspiel sind unerreicht”, lobte Bundestrainer Peters. Der spätere Wechsel auf der Torwartposition, der sich vorteilhaft auswirkte, steht sinnbildlich dafür, dass die deutsche Mannschaft nicht aus Führungsspielern und Wasserträgern besteht, sondern der Erfolg als Team erzielt wird. Die jungen Spieler stehen dabei mit hoher Verantwortung in vorderster Linie und werden deshalb nicht gleich unruhig. Von den fünf deutschen Siebenmeterschützen waren drei unter 23 Jahre. Diese drei, Tibor Weißenborn, Christopher Zeller und Max Landshut, verwandelten ihre Siebenmeter. Und ausgerechnet Christoph Bechmann, der Älteste im Team, vergab als Einziger. Doch das Missgeschick Bechmanns nahm nachher keiner tragisch. „Die erfahrenen Spieler machen sich manchmal einfach mehr Gedanken”, sagte Lothar Linz, der mit der deutschen Nationalmannschaft arbeitende Psychologe. „Wenn man das zweite oder dritte Mal dabei ist, steht man vor einer ganz anderen Situation,” weiß der Psychologe. „Man hat plötzlich größere Hemmungen.“ Deutschland hatte schon die vorangegangenen beiden Europameisterschaften erst im Siebenmeterschießen für sich entschieden. Symptomatisch für den Ausgang der Partie war diesmal, dass Schulte im Duell Mann gegen Mann den Siebenmeter vom besten Spieler des Turniers, dem Spanier Santi Freixa, parierte, und mit Zeller der jüngste deutsche Spieler den entscheidenden Schuss verwandelte. „Ich habe mich in dem Moment ganz einfach sehr gut gefühlt“, erklärte Zeller.

Für Verärgerung sorgte bei Trainer Peters hinterher nur, dass die Hockeyspieler mit ihren Top-Leistungen nicht ausreichend im Fernsehen präsent waren. „Die Reduktion auf Fußball und Formel 1 ist eine Katastrophe. Aber bei Olympia sollen wir dann wieder fürs Fernsehen da sein“, schimpfte er.

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