Sport : Zwei Typen fürs Zweite

Die Profis Thomas Ulrich und Jürgen Brähmer boxen sich beim ZDF in die erste Reihe

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Von Michael Rosentritt

Schwerin. Wolf-Dieter Poschmann rutschte hin und her auf seiner Sitzschale in Reihe eins. Kurz vor Mitternacht war das. Und mancher der breitschultrigen Herren auf den ringnahen Plätzen der Schweriner Kongresshalle wird sich gefragt haben, was der schmale Poschmann denn hat. Der frühere Leichtathlet Poschmann, der seit sieben Jahren die ZDF-Hauptredaktion Sport leitet, wird demnächst etwas ruhiger seiner Arbeit an den Boxringen dieser Welt nachgehen können. Das ZDF hat im Sommer für viele Millionen Euro einen langfristigen Vertrag mit der Universum Box-Promotion geschlossen und wird bis zu 15 Kampfabende im Jahr in die Wohnzimmer der Nation übertragen. Nur braucht man dafür TV-taugliche Typen. Einen vorzeigbaren Athleten wie Thomas Ulrich etwa oder einen Athleten mit dem Gegenteil einer vorzeigbaren Vita wie beispielsweise Jürgen Brähmer.

Beide Kämpfer haben in der Nacht zum Sonntag ihre Kämpfe gewonnen. Brähmer, der vier Tage vor dem Kampf gegen eine Kaution von 125 000 Euro auf freien Fuß kam, schlug Omar Eduardo Gonzales zwölf Runden lang krankenhausreif. Eine beim Argentinier noch in der Nacht vorgenommene Kernspintomografie ergab: Bruch der linken Augenhöhle, Sehnerv eingeklemmt. Brähmer, an dem die Ringschlacht weitgehend spurlos vorbeigegangen war, richtete später aufmunternde Worte an den Kontrahenten. „Auch von dieser Stelle – gute Besserung, Omar!“

In der Zwischenzeit hatte Thomas Ulrich seinen Job getan. Schon in der ersten Runde seines Kampfes um die Europameisterschaft im Halbschwergewicht hatte er den italienischen Titelverteidiger Yawe Davis mit einer rechten Geraden von den Beinen geholt. Eine Ringpause und 1:56 Minuten später beendete Ulrich mit einer Links-rechts-Kombination an den Kopf des Kontrahenten den Spuk. „Heute habe ich endlich mal gezeigt, was ich kann. Im Training bin ich schon lange Weltmeister, aber im Ring war bei mir oft nicht der Kopf dabei. Ich war völlig durch den Wind. Jetzt bin ich nur noch glücklich.“

Der letzte Satz könnte auch von Wolf-Dieter Poschmann stammen. Schließlich waren nicht nur 5000 Leute in der Halle, sondern viele Millionen Menschen an den Fernsehschirmen live dabei. Das ZDF hat jetzt zwei Attraktionen. So wie früher RTL und Sat 1 Henry Maske und Graciano Rocchigiani hatten. Ein Jahrzehnt lang präsentierten die beiden Privatsender die Boxshows. Nun wird das ZDF die beiden deutschen Boxer zu Zugpferden aufbauen. Auf der einen Seite den Beau Thomas Ulrich und auf der anderen, quasi als Gegenstück, Jürgen Brähmer – einen Boxer, der aus dem Knast kam. Aber genau das ist der Haken an der Sache. Niemand weiß, ob und wann die Karriere des kantigen Mannes ihre Fortsetzung findet. „Es wäre schön, wenn Jürgen das machen kann, was er am besten kann – nämlich boxen“, sagte Klaus-Peter Kohl, der Chef von Universum. Nur leider tut Brähmer das auch außerhalb des Ringes mal ganz gern. Weshalb er schon in jungen Jahren das geschafft hat, wofür etwa Graciano „Jailhouse-Rocky“ Rocchigiani 38 Jahre alt werden musste. 1998 musste Brähmer wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis. Wegen guter Führung wurde die Strafe später außer Vollzug gesetzt. Anfang September schlug Brähmer nach einem Verkehrsunfall einen Autofahrer nieder und musste in Untersuchungshaft. Sonnabend vor einer Woche wurde er 24. Es war für ihn der dritte Geburtstag hinter Gittern. Jetzt muss er sich täglich auf der Polizeiwache melden. Wenn ihm das gelingt, darf er vorläufig auf freiem Fuß bleiben – bis zur Verhandlung. „Jürgen hat zwei Jahre gut gearbeitet. Vielleicht waren wir ein bisschen blauäugig. Für das, was er jetzt tat, wird er bestraft werden“, sagte Kohl, „wenn wir wissen wie, können wir planen.“

Sehr viel leichter gestaltet sich das im Fall von Thomas Ulrich. Der Berliner ist Europameister. Das waren auch schon mal Max Schmeling und Gustav „Bubi“ Scholz. Und, für das ZDF noch wichtiger, der Spandauer Junge kann nicht nur boxen. Er ist groß, blond und blauäugig – ein Filmgesicht. Natürlich sind da noch Dariusz Michalczewski und die Klitschko-Brüder. Doch der Tiger ist im Spätherbst seiner Karriere nach Danzig übergesiedelt und boxt neuerdings unter polnischer Flagge. Die beiden ukrainischen Riesen werden öfter als bisher in den USA antreten müssen, wollen sie zur amerikanischen Primetime auf Leute wie Lewis und Tyson treffen. Bis dahin aber reichen die Rechte des ZDF nicht. Und wenn, weiß keiner, wie viele Leute nachts um vier Uhr in Deutschland aufstehen und zugucken wollen.

Thomas Ulrich stehen alle Türen offen. „Er wird den Titel ein-, zweimal gegen gute Leute verteidigen“, sagte sein Trainer Fritz Sdunek. „Dann ist er reif für eine WM.“ Und dann ist da ja noch Graciano Rocchigiani, der gerade eine einjährige Haftstrafe absitzt und seinen letzten Kampf vor Gericht gegen den Weltverband WBC kämpfte. „Ob der noch Lust hat“, fragte Thomas Ulrich. „Wenn er möchte – ich bin dabei.“ Und natürlich auch das ZDF.

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