Sport : Zwei Wege im Eiskanal

Die Bob-Olympiasieger Langen und Lange respektieren sich, aber Freunde werden sie wohl nie

Hartmut Moheit

Berlin. Als vier Bobfahrer und ihr Trainer Michael Trübner plötzlich ins Zimmer stürmen, hält es André Lange nicht mehr auf dem Stuhl. Wenn er jetzt nicht aufpasst, bekommt er vom Napfkuchen, den er so eisern bewacht hat, nicht mehr ab. Wenn es um etwas Süßes geht, muss selbst der Chef des Olympiasieger- und Doppel-Weltmeisterbobs seinen Anteil fordern. In der Jugendherberge in Altenberg, wo der Pilot und seine Anschieber vom BSR Rennsteig Oberhof immer wohnen, wenn sie im Erzgebirge sind, droht aber wenigstens keine Gefahr von den anderen deutschen Bobteams. Vor allem nicht von der Bayern-Crew um Christoph Langen, die ein paar hundert Meter weiter im Hotel wohnt. Aber der 41-Jährige vom BC Unterhaching hätte vermutlich selbst als Zimmernachbar von Lange nichts mitbekommen. Wenn doch, wäre er nicht zum gemeinsamen Kuchenessen gekommen. Beide Bob- Piloten der Extraklasse gehen sich lieber aus dem Weg. „Wir werden wohl nie zusammen ein Bier trinken gehen“, sagt André Lange, während Christoph Langen den Grund dafür nennt: „Wir kommen aus zwei komplett verschiedenen Welten.“

Lange und Langen – über verschiedene Wege sind beide in die Weltspitze gefahren. Dass sie international immer noch ganz vorn stehen, wollen sie in dieser Woche in Calgary beweisen, wo die Bobsaison mit dem ersten Weltcup eröffnet wird. Für die beiden Individualisten geht es dabei auch um die Vormachtstellung im deutschen Team. Dass sie sich dennoch respektieren, daran hat Cheftrainer Raimund Bethge großen Anteil. „Er ist fair zu jedem. Was der Trainer vorher sagt, das gilt auch“, schätzt ihn Langen ein. Leistungen zählen, nicht Alter, Meriten oder woher jemand kommt. Von den 81 Medaillen, die Bethge bisher mit den Bobfahrern bei Olympia, WM und EM gesammelt hat, holte Langen allein 26. Als lediger Einzelkämpfer beim BC Unterhaching hat sich Langen nach eigener Aussage „alles allein aufgebaut“. Lange dagegen, 30 Jahre alt, verheirateter Familienvater und mit neun Medaillen dekoriert, braucht lediglich in den fertigen Bob zu steigen. Er hat ein Umfeld, das alles für ihn erledigt. „Wenn ich zu Hause die Tür schließe, kann ich nur noch an meine Frau und die Kinder denken“, gibt er zu.

Für Christoph Langen, den ledigen Motorsportfan und vor allem Ich-AG in Sachen Bobsport, gibt es dieses totale Abschalten nicht. „Ich möchte dennoch keinen anderen Weg gegangen sein“, sagt Langen. . Nach seinem Olympiasieg in Salt Lake City 2002 im Zweier hatte er auf den Start im Vierer verzichtet, weil ihn die sowieso schon die ganze Saison schmerzende Sehne im rechten Fuß zu arg plagte. „Böse Münder haben behauptet, ich hätte die Verletzung nur vorgetäuscht, weil ich mir gegen André Lange keine Chance ausgerechnet hätte", erzählt Christoph Langen und wischt die Vorwürfe mit einem Wort weg: „Blödsinn!“

Den Weg vom bärenstarken, schnellen Anschieber zum feinfühligen Mann an den Lenkseilen möchte er bei der Weltmeisterschaft auf der heimischen Bahn am Königssee krönen. „Erst einmal muss ich mich dafür qualifizieren“, sagt Langen. „Wenn es damit klappt, wäre schon eine Medaille grandios.“ Wer weiß, dass Langen in der vergangenen Saison zum zweiten Mal in seiner Karriere wegen einer schweren Beinverletzung eine lange Pause einlegen musste, dass ihm kurz vor diesem Winter der Hauptsponsor verloren ging und dass er deswegen seine Anschieber erstmals nicht mit Zielprämien motivieren kann, der versteht auch das für seinen Anspruch eher bescheidene Ziel. „Dafür hat Christoph sich aber geschunden. Ich musste ihn oft bremsen“, sagt Raimund Bethge. Die zurückhaltende Aussage von Langen gefällt ihm: „In unserem Sport reichen doch schon zehn Zentimeter aus, dass du wie ein Bahnarbeiterhobel durch die Eisrinne fährst und damit verlierst.“ Seitdem er vor 14 Jahren Bundestrainer wurde, treibt ihn die Angst vorm Versagen um.

Dabei könnte Bethge ganz locker Olympia 2006 in Turin angehen, denn nach Langens Rücktritt zum Ende des Winters bleibt ihm der Oberhofer Lange. Der hat zweifellos ebenso von der Konkurrenz mit Langen profitiert. Lange sagt: „Wir sind sein Feindbild, Christoph baut sich an uns auf.“ Das klingt zwar wie das Denken nach altem DDR-Muster, bedeutet aber lediglich: Bin ich in Deutschland vorn, dann kann ich auch international gewinnen. Geholfen hat es offenbar. Doch das beruht auf Gegenseitigkeit.

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