Sport : Zwei weisen nach vorn

Der Däne Olsen und der Holländer Hiddink zählen zu den Favoriten – beide lieben Angriffsfußball

Christian Hönicke

MORTEN OLSEN

Seine Begeisterung für den Offensivfußball ist mit dem Begriff Obsession nur unzureichend beschrieben. Morten Olsen fand es einst „fantastisch“, dass ein Trainerkollege trotz Erfolgs entlassen wurde, weil der auf unattraktiven Defensivfußball gesetzt hatte. Selbst der niederländische Rekordmeister Ajax Amsterdam, bei dem das schöne Spiel fast noch wichtiger ist als das Ergebnis, hatte 1999 nach zweieinhalb Jahren genug von Olsens Manie und wollte lieber wieder ein bisschen öfter gewinnen.

Ist so jemand der richtige Trainer für die deutsche Mannschaft, von der alle bei der WM in zwei Jahren vor allem ein erfolgreiches Abschneiden erwarten? Durchaus. Die lustige Nickelbrille, die er manchmal trägt, sollte nicht über die knallharte Auffassung des derzeitigen dänischen Nationaltrainers vom Begriff Disziplin hinwegtäuschen. Das Ansinnen eines Spielers nach einem freien Tag quittierte er als Coach des 1. FC Köln Anfang der Neunzigerjahre mit folgendem Satz: „Da können wir uns nicht verbessern.“ Und wie sieht es mit einem Grillabend aus? „Das könnt ihr im Urlaub machen.“

Zu den Wesenszügen des 54-Jährigen gehört es, nie selbstzufrieden zu sein. Schon zu Olsens Zeit als Spieler beim 1.FC Köln war dem früheren Nationaltorhüter Bodo Illgner klar, „dass er ein großer Trainer wird“. Tatsächlich übernahm er die Mannschaft wenig später und rettete sie aus schier aussichtsloser Position vor dem Abstieg.

Wie auch Guus Hiddink hält es Olsen für die wichtigste Eigenschaft eines Trainers, immer ehrlich zu sein. Für Dänemarks Nationalspieler Stig Töfting ist Olsen ein Trainer, der alles weiß. „Er hat großen Anteil daran, dass wir bei der EM in Portugal ins Viertelfinale gekommen sind.“ Doch die Methoden des einstigen Weltklasseverteidigers scheinen einer gewissen Halbwertszeit zu unterliegen. Wie später in Amsterdam wurde Olsen auch in Köln nach zweieinhalb Jahren entlassen, ein dänischer Nationalspieler beschwerte sich einmal: „Er redet nur über Fußball und immer wieder über Fußball. Das nervt unheimlich.“ Wenn man Presseberichten glauben darf, haben sich die Spieler bei der WM 2002 in ihren Zimmern eingeschlossen, wenn der Trainer nahte.

Olsen lässt sich davon nicht beeindrucken und redet weiter über Fußball. Er sieht es als reizvolle Aufgabe an, die Deutschen bei der WM 2006 zu betreuen. Das klingt schon mal gut. Und dann sagt er noch: „Es reicht nicht zu gewinnen. Ich will auch was fürs Auge bieten.“ Das klingt noch besser.

GUUS HIDDINK

Um Guus Hiddinks Trainingsstil zu beschreiben, zitiert man am besten das Samsung Institute: „Er hat ein Konzept, das er, ohne sich von der öffentlichen Meinung irritieren zu lassen, durchsetzt.“ Das renommierte Wirtschaftsinstitut hatte nach dem Einzug der Südkoreaner ins WM-Halbfinale 2002 eine Studie in Auftrag gegeben, die das Erfolgsgeheimnis ihres Trainers erkunden sollte. Ein Konzept ist genau das, was dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zwei Jahre vor der WM im eigenen Land fehlt. Deshalb ist Hiddink einer der Favoriten auf den vakanten Posten des Bundestrainers. Als der Niederländer Südkoreas Team übernahm, brach er als Erstes mit einer Tradition: Die jüngeren Spieler durften die älteren fortan duzen. So ein Mann könnte auch dem trägen deutschen Fußball gut tun.

Wenn man den Trainer des PSV Eindhoven selbst zu seinen Stärken befragt, bekommt man folgende Antwort: „Ich versuche, die Einzelnen dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen. Beim Erfüllen ihrer Aufträge müssen sie wissen, warum sie das tun.“ Dabei wahrt Hiddink jedoch immer seinen Status als Autoritätsperson. „Ein Trainer darf keine Schwäche zeigen, nicht herumeiern“, hat er einmal gesagt. Wie man das anstellt, bewies er 1999 als Trainer von Real Madrid, als er den Weltpokal gewann. Seinem Abwehrstar Christian Panucci teilte er mit, er brauche weniger Ferraris und mehr „Eier“.

Zu solchen verbalen Tiefschlägen greift Guus Hiddink jedoch selten. „Mein Motto lautet: Lasst uns normal, sauber und seriös arbeiten – und möglichst so, dass auch Spaß und Leidenschaft damit verbunden sind.“ Der 57-Jährige hat eine genaue Vorstellung davon, was er will und was nicht. Seit jeher bevorzugt Hiddink das offensive Fußballspiel. Damit gewann er 1988 mit Eindhoven den Europapokal der Landesmeister und begeisterte zehn Jahre später bei der WM in Frankreich das Publikum, weil seine Niederländer beim Halbfinal-Aus schöner spielten als der Gegner Brasilien. Er ließ jedoch auch 1993 die Spieler des FC Valencia beim 0:7 in Karlsruhe ins Verderben rennen. Aus diesem Debakel hat Hiddink gelernt: Sein System ist kein Dogma, er passt es an die Fähigkeiten des Personals an.

Auch die restlichen Voraussetzungen an den Job des Bundestrainers erfüllt Hiddink: Er kann Deutsch und weiß, wie man ins WM-Halbfinale kommt. Sein Interesse hat Hiddink, dessen Vertrag in Eindhoven angeblich eine Ausstiegsklausel besitzt, bereits bekundet: „Es ist ein Traum, ein Team auf die WM vorzubereiten.“ Allerdings steht auch Holland nach dem Rücktritt von Dick Advocaat ohne Trainer da – und Hiddink ist ein Kandidat.

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