Sport : Zweifel am Hinterrad

Jan Ullrichs unruhige Karriere könnte nun wegen des Dopingverdachts enden

Hartmut Scherzer

Berlin - Der des Dopings verdächtige Jan Ullrich muss sich gefreut haben, als er las, wie der höchste Herr in der Welt des Sports seinen Fall und den seines Radfahr-Kollegen Ivan Basso sieht. Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), geißelte jüngst in einer belgischen Zeitung die Vorverurteilung der beiden Radprofis: „Die Frage, ob sie schuldig sind oder nicht, ist noch nicht beantwortet“, sagte Rogge. „Deshalb sind Ullrich, Basso und die anderen frei, zu fahren, wo immer sie wollen. Die Unschuldsvermutung ist ein unantastbares Prinzip für mich.“ Doch Rogges Prinzip hat Ullrich keinen Schutz vor der moralischen Ächtung geboten. Am Montag wird Jan Ullrich wohl offiziell das Ende seiner Karriere verkünden – oder seinen Einstieg in ein zweit- oder drittklassiges Team. Oder eine Pause. Genau weiß man das nicht. Bei der Pressekonferenz in Hamburg sind keine Fragen erlaubt.

Die Unschuldsvermutung. Darf sie in einem Fall wie dem von Ullrich gelten, in dem die Indizien so erdrückend sind, in dem es Blutbeutel gibt und einen juristischen Kampf um ihren Abgleich mit Ullrichs DNS? Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Universität Bielefeld, will das Prinzip nicht gelten lassen. „Natürlich gibt es im Strafrecht die Unschuldsvermutung. Aber wenn in Kühlschränken dubioser Ärzte massenhaft Blutproben gelagert werden, wie kann man da von Unschuldsvermutung reden?“, erklärte Bannenberg. „Ich gehe davon aus, dass der Tatbestand des Betrugs gegenüber dem Sponsor erfüllt ist.“ Deshalb habe sie bei der Staatsanwaltschaft in Bonn Anzeige gegen Ullrich erstattet. Das war am 17. Juli 2006. Bannenberg hatte es nach dem Ausschluss des deutschen Profis von der Tour de France eiliger als alle Radsport-Institutionen.

Jan Ullrich hat bis heute kein sportgerichtliches Verfahren bekommen, dafür interessiert sich die Bonner Staatsanwaltschaft für ihn. Während Basso in der ehemaligen Mannschaft von Lance Armstrong bereits wieder Rennen fährt. 51 Namen von Radprofis wurden im Zusammenhang mit dem Madrider Dopingskandal genannt, doch nur zwei von ihnen stehen noch im Fokus der Ermittler: Ullrich und der Franke Jörg Jaksche.

Ullrich hat auch in zweiter Instanz den Streit gegen den Molekularbiologen und Dopingexperten Werner Franke gewonnen, er hat Speichel zum Gen-Abgleich mit den Blutbeuteln des Dopingarztes Fuentes – die nach einem Beschluss des Nationalen Gerichtshofs in Spanien jetzt zügig nach Bonn überstellt werden sollen – abgeliefert und wird am Montag in Hamburg sein monatelanges Schweigen beenden. Es ist Zeit für eine Entscheidung.

Es wird keine Pressekonferenz mit einem reuigen Schuldgeständnis geben wie 2002 in Frankfurt am Main am Tag des Tourstarts, als zwei „Party-Pillen“ in seiner „kleinen Lebenskrise“, wie er sagte, eine positive Probe nach einer unangemeldeten Kontrolle und eine halbjährige Sperre verursachten. „Presseerklärung“ heißt diesmal offiziell der Termin um 11 Uhr im Ballsaal II des Hotels Inter Continental. Der ausdrückliche Hinweis in der Einladung, dass Jan Ullrich keine Fragen beantworten, sondern „auf alle ihm wichtigen Gesichtspunkte eingehen werde“, dürfte jene Spekulanten irritieren, die mit einer Fortsetzung seiner Karriere rechnen.

Die Karriere des inzwischen 33-jährigen Ullrich war ein ständiger Wechsel zwischen Gipfel und Abgrund, zwischen Bravourleistungen auf der Straße und Fehlentscheidungen am Tisch bei der Wahl seiner Arbeitgeber. Ullrich wechselte 2002 mit seinem Mentor Rudy Pevenage vom Team Telekom zur Mannschaft Coast. Das von einem Textilunternehmer gesponserte Team geriet im Frühjahr 2003 in Finanzschwierigkeiten und wurde vom Radsportweltverband UCI suspendiert. Schließlich konnte Teammanager Pevenage den Kosponsor Bianchi überzeugen, den Radrennstall zu übernehmen. Eine Saison später wechselte Ullrich wieder zu T-Mobile zurück.

Anfangs hatte es nach einer großen Karriere ausgesehen: Doch der Tour-de-France-Sieg von 1997 sollte sein einziger bei der Frankreich-Rundfahrt sein. Dennoch stieg Ullrich in Paris noch sechs Mal aufs Podest: Fünf Mal als Zweiter, ein Mal als Dritter. „Das Jahrhundert-Talent“, wie ihn sein ehemaliger Teamchef bei T-Mobile, Walter Godefroot, nannte, war auch ein Meister des Comebacks. Nach der verpassten Tour 1999 wegen Kniebeschwerden gewann er die Spanien-Rundfahrt. Nach dem Jahr 2002 besiegte er bei der Tour 2003 Lance Armstrong im Zeitfahren. Nur eine Minute und sechs Sekunden fehlten dem Deutschen zum zweiten Tour-Sieg.

Nun wird der einstige Held, der mit seinem Tour-Sieg 1997 einen Radsport- Boom auslöste wie Boris Becker im Tennis, für den Imageschaden des deutschen Radsports verantwortlich gemacht. Er selbst muss mit dem Image des Betrügers leben – es sei denn, die DNS-Analyse würde ihn freisprechen. Sylvia Schenk, die ehemalige Präsidentin des BDR und jetzt für „Transparency International“ aktiv, zeigt im Gegensatz zu ihrem Nachfolger Rudolf Scharping Mitgefühl mit Jan Ullrich. Zuletzt fragte sie: „Was macht Jan Ullrich ohne das Radfahren? Wie geht sein Leben weiter? Bleibt da der Bruch, oder gibt es noch einen Weg, nicht zurück, sondern nach vorn? Ich wüsste gerne seine Antwort?“

Am Montag will Jan Ullrich diese Antwort geben.

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