Sport : Zweifel unerwünscht

Hertha BSC strebt in Richtung Champions League – mit einem alten Kader und einer neuen Taktik

Stefan Hermanns[Schruns]

Falko Götz hat am Samstag ein gutes Motiv für die Fotografen abgegeben. Der Trainer von Hertha BSC ist vor sechs Wochen am Knie operiert worden, noch immer erfordert die Heilung regelmäßige Regenerationsübungen. Gestern stellte sich Götz auf dem Trainingsplatz in Schruns mit dem linken Fuß auf ein wackliges Gummikissen und versuchte, eine stabile Standwaage hinzubekommen. Sein rechtes Bein zitterte durch die Luft, die Arme suchten nach Balance, und die Fotografen hatten ein gutes Bild zum Thema „Götz wackelt“. Die Frage ist nur, ob die Zeitungen es jemals benötigen werden.

Bisher ist die Zusammenarbeit zwischen Götz und dem Berliner Fußball-Bundesligisten eine Erfolgsgeschichte gewesen. Im Frühjahr 2002 führte er Hertha als Interimstrainer in den Uefa-Cup, und im vergangen Jahr, in seiner ersten Saison als Cheftrainer, machte Götz aus dem gerade gewesenen Abstiegskandidaten eine nationale Spitzenmannschaft, die nur um ein Tor den Einzug in die Champions League verpasst hat. Wenn in der neuen Saison alles nach Plan läuft, wird sein auslaufender Vertrag schon in diesem Herbst ohne Aufsehen verlängert. Und eigentlich zweifelt bei Hertha niemand daran, dass es nach Plan laufen wird.

Ellery Cairo trainiert seit knapp zwei Wochen mit den Berlinern. Er ist aus Freiburg gekommen, hat dort eine katastrophale Saison mit dem Abstieg in die Zweite Liga erlebt und nicht lange gebraucht, um den Unterschied festzustellen. „Die sind erfolgreich gewesen“, sagt Cairo über den ersten Eindruck von seinen neuen Kollegen. „Das kann man merken.“ Nach einer Saison des Zweifelns, die beinahe mit dem Abstieg geendet hätte, ist das alte Berliner Selbstvertrauen zu Hertha zurückgekehrt, und es ist keine schlechte Symbolik, dass sich die Mannschaft nun wieder in genau dem Hotel vorbereitet, in dem sie vor zwei Jahren den verhängnisvollen Vorsatz fasste, die Qualifikation für die Champions League als Saisonziel auszugeben.

Diesmal redet niemand von der Champions League, auch wenn jeder daran denkt. Das Berliner Publikum duldet keinen Stillstand. Doch woher soll der Fortschritt kommen? Während Schalke zwei aktuelle deutsche Nationalspieler verpflichtet hat – unter anderem –, sogar der hoch verschuldete HSV Millionen in Rafael van der Vaart investiert hat, geht Hertha mit einem nahezu unveränderten Kader in die neue Saison. Cairo ist die bisher einzige Neuverpflichtung, und ob der Stürmer, der zehn bis 15 Tore garantiert, noch kommt, wird immer fraglicher. Angeblich will der Aufsichtsrat Manager Dieter Hoeneß nur dann die nötigen Mittel für einen Transfer bewilligen, wenn teure Spieler wie Pal Dardai und Artur Wichniarek den Verein verlassen.

„Wir arbeiten nach wie vor daran“, sagt Trainer Falko Götz über die Suche nach einem Angreifer. „Aber solange noch keiner da ist, ist es für jeden Stürmer, der hier ist, eine Riesenchance, sich zu beweisen.“ Wichniarek ist das Bemühen nicht abzusprechen. Doch in den vergangenen beiden Jahren war das nicht anders.

Der Fortschritt, den Hertha anstrebt, muss aus der Mannschaft selbst kommen: indem einzelne Spieler besser werden oder indem das Team durch eine bessere Taktik und damit durch eine bessere Nutzung seiner Ressourcen als Team stärker wird. „Die meisten Spieler kennen die Philosophie des Trainers“, sagt Götz. „Aber es gibt noch genug Dinge zu erarbeiten.“ In der nächsten Woche wird sich Herthas Trainer in Österreich daher vor allem der taktischen Schulung seiner Mannschaft widmen.

Das erfolgreiche System der vergangenen Saison muss weiterentwickelt und den veränderten Anforderungen angepasst werden. Götz verlangt ein schnelleres, präziseres Spiel, vor allem über die Flügel und mit wenigen Ballkontakten im Mittelfeld. „Unsere Spielstärke ist auch den anderen Bundesligisten nicht entgangen“, sagt er. Die Gegner werden sich darauf einstellen, massiert in der Defensive stehen, auf Fehler der Berliner warten und mit Kontern den Erfolg suchen. So wie der FC Thun am Freitagabend beim Montafoner Goldschlüssel-Cup. „Das war ein Spiel, wie es auch in der Bundesliga sehr oft auf uns zukommen wird“, sagt Falko Götz. Hertha verlor 0:2.

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