Sport : Zweite, dritte oder siebte Wahl? (Kommentar)

Helmut Schümann

Matthias Sammer also. Der soll es nun richten bei Borussia Dortmund, soll den BVB aus der Krise führen kraft seiner Kompetenz als ehemaliger Nationalspieler. Die Kompetenz als Trainer kann nicht der Grund sein, warum die Dortmunder Chefetage ihn zum Coach ernannt hat. Die nämlich hat er nicht, kann nur ein paar Wochen Lehrzeit und Udo Lattek vorweisen und hat noch vor wenigen Wochen erzählt, er wolle lieber als Spieler zurückkehren.

Nun ist er doch Trainer und muss erst einmal den Makel aus dem Weg räumen, nur zweite, dritte oder siebte Wahl zu sein. Denn es ist kein Geheimnis, dass Borussia gesucht hat nach anderen Kräften und gebuhlt hat zum Beispiel um Christoph Daum, der dann doch lieber bei Bayer Leverkusen geblieben ist. Noch am gestrigen Tag der Verkündung des neuen Coaches wurde im Kreis der gemeinhin gut informierten Nationalspieler auch der frühere Bundestrainer Berti Vogts als künftiger Dortmunder Retter gehandelt. Und schließlich: Hätten die Dortmunder gleich nach geschafftem Klassenerhalt auf Sammer gesetzt, hätten sie diese Entscheidung schon damals publik machen können. Doch sie haben gewartet, ob sich nicht etwas Besseres findet.

Das ist kein schönes Entree für Sammer und befreit die BVB-Führung schon mal gar nicht von dem aktuellen Ruf, panisch und konzeptionslos zu handeln. Dass Präsident Niebaum trotz des derzeit leicht desolaten Zustandes seines Klubs mit dem Sponsor eine Prämie für das Erreichen der Champions League aushandelte, kann man wohlwollend allenfalls als extrem weitsichtig bezeichnen. Denn in Wirklichkeit stehen der Klub und die Mannschaft nicht in Europas höchster Spielklasse, sondern bestenfalls vor dem Neuaufbau.

Matthias Sammer muss also nicht nur verunsicherte Spieler an ihre eigenen Fähigkeiten erinnern, er muss auch den Klub und das Publikum in die Realität zurückführen. Man könnte Sammers Installation ja durchaus als Zeichen der Ruhe und Gelassenheit werten, einer Ruhe, aus der heraus einem Neuling eine Chance gewährt wird. Die zögerliche Haltung und der präsidiale Größenwahn lassen indes nur einen anderen Schluss zu.

Nein, es wird kein leichter Start für Matthias Sammer in die Trainerlaufbahn sein.

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