Sport : Zweite Heimat

Galatasaray fühlt sich in Dortmund beim 2:0 gegen Turin gut

Richard Leipold

Dortmund. Der Orient hat Westfalen erreicht. „Türkiye, Türkiye!“ rufen Zehntausende im Dortmunder Westfalenstadion. Sie haben das Heimspiel in der Champions League gegen Juventus Turin zur nationalen Angelegenheit erklärt. Wie Fatih Terim, der Trainer von Galatasaray Istanbul. „Weil zwei Bomben gefallen sind, werden wir vom Europäischen Fußball-Verband ins Exil geschickt. Auf diese Unverschämtheit müssen wir die richtige Antwort geben.“ Er denke dabei „nicht in erster Linie an das Weiterkommen in der Champions League, sondern an einen Sieg für die Türkei“. Kurz vor Schluss führt Galatasaray 1:0, dann schießt Hakan Sükür, die stürmende Ikone des türkischen Fußballs, sein zweites Tor. Das 2:0 über Juve eröffnet den Türken die Chance, mit einem Sieg im letzten Gruppenspiel das Achtelfinale zu erreichen. Vor allem aber erfüllt es sie mit Stolz. Sie fühlen sich verbannt und haben im Exil dennoch eine der berühmtesten Fußballmannschaften Europas bezwungen, auch wenn Juventus nur mit einer B-Elf angetreten ist ohne Stars wie Buffon, Del Piero, Nedved, Trezeguet oder Thuram.

An diesem Abend ist Westfalen ganz nah am Bosporus. Die gemietete Dortmunder Arena haben die Türken für einen Tag umbenannt in „Ali Sami Yen“ – so heißt das Stadion von Galatasaray. Dort aus Sicherheitsgründen nicht spielen zu dürfen empfinden nicht nur Trainer und Spieler der Heimmannschaft als Strafe. Neben der roten Nationalflagge mit dem Halbmond und den gelb-roten Vereinsfahnen halten türkische Fans politische Transparente hoch, die mehr als unsportlich sind: „Uefa, IRA, El Kaida.“ Am nächsten Tag wird die Tageszeitung „Milliyet“ mit einem martialischen Titel erscheinen. „Hier ist eure Bombe: 2:0.“

Trainer Terim hat das deutsche Fußballexil an diesem Abend dennoch lieb gewonnen. „Wenn ich ehrlich sein soll, war die Atmosphäre hier besser als bei einigen unserer Spiele in Istanbul.“ Das Westfalenstadion könne für seinen Klub zur zweiten Heimat werden. „Wenn noch einmal so eine Entscheidung gefällt werden sollte, gehen wir wieder nach Dortmund.“ Am Ende sind alle Beteiligten zufrieden, auch wenn einige hundert übermütige Türken den Rasen stürmen und das Mittelfeld zur Tanzfläche machen. Die Dortmunder Hausherren verdienen noch einmal an der Champions League (etwa 500 000 Euro), obwohl sie sich für diesen Wettbewerb gar nicht qualifiziert haben, Galatasaray fühlt sich wie zu Hause, und Juventus schont seine Stars, ohne Schaden zu nehmen.

Die wenigen einheimischen Fußballanhänger unter den 44 000 Besuchern aber müssen sich fremd gefühlt haben, als neutrale Zuschauer im Westfalenstadion – nicht allein wegen der orientalischen Stimmgewalt auf den Rängen. Das türkisch-italienische Fußballfest führt ihnen an diesem Abend vor Augen, dass ihre Dortmunder Borussia – wie die meisten anderen Bundesligaklubs – sportlich zur europäischen Provinz verkommen ist. Die längst für das Achtelfinale qualifizierten Turiner zeigen, wenn auch nur eine Halbzeit lang, spielerische Klasse, wie sie im Westfalenstadion seit Jahr und Tag nicht mehr zu sehen war. Dazu Herz und Hingabe der Türken. Das sind die Ingredienzien eines Fußballs, den deutsche Fans nur noch ausnahmsweise aus der Nähe erleben. Den Rivalen aus Gelsenkirchen steht ein ähnlicher Kulturschock bevor. In ein paar Tagen wird Besiktas Istanbul auf Schalke sein Heimspiel gegen den FC Chelsea bestreiten. Wieder eine Gelegenheit für Türken in Deutschland, ihre nationale Identität auf dem Fußballplatz auszuleben. In Dortmund singen sie am Ende voller Inbrunst: „Die Türkei ist stolz auf euch.“

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