Zweite Liga : Darf Hoffenheim wirklich aufsteigen?

Ein Verein, gebaut auf dem Geld eines Einzelnen – so etwas gehört nicht in unsere Bundesliga! Oder doch? Gründe, die für die TSG Hoffenheim sprechen und dagegen.

André Görke
Ralf Rangnick
Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick. -Foto: dpa

Pro

Igitt! Jetzt darf der fiese Kapitalist aus der Provinz auch noch einen protzigen Titel mit sich herumtragen: „Sportmanager des Jahres 2008“. Das ist also Dietmar Hopp. Pfui!

So, und jetzt: Alle mal durchatmen.

Der Mann ist fantastisch und sein Verein ist es auch. Hopp besitzt ein geschätztes Vermögen von sechs Milliarden Euro und ist Mäzen des Fußball-Zweitligisten TSG 1899 Hoffenheim. Das ist jener Verein, der gerade drauf und dran ist, mit einem kompetenten Trainer (Ralf Rangnick), der unfassbar schönen Fußball spielen lässt, in die Bundesliga aufzusteigen. Was, bitte schön, ist schlimm daran?

Es ist ziemlich angesagt und auch billig, über Hoffenheim zu lästern. Überall jammern all jene, die lieber die guten, alten Traditionsklubs in der Ersten Liga sehen wollen als einen neureichen Dorfverein, den irgendein Milliardär mit viel Geld in den – hüstel, wie heißt das so schön? – „bezahlten Fußball“ hebt. Früher war eben alles besser, da war der Liter Benzin bezahlbar und in Berlin landete man auf dem Flughafen Tempelhof. So ein Quark! Fans gehen ja nicht ins Museum, sondern zahlen Eintritt, um auf der Tribüne unterhalten zu werden.

Okay, zugegeben: Die Stimmung in den – ähm, welchen traditionsbewussten Namen tragen doch gleich die Kampfstätten in Nürnberg, Düsseldorf oder Köln (ff.)? – meisten Stadien ist lauter, aber nicht abwechslungsreicher. Gesungen wird überall dasselbe. Mit Hoffenheim kehrt endlich Abwechslung in den Ligaalltag ein: Gut, in Sinsheim wird der Verein nächste Saison im Aufstiegsfall nicht spielen (Ja, „Sinsheim“ – man reduziert den großen und jüngeren FC Schalke 04 schließlich auch nicht auf den namensgebenden Gelsenkirchener Stadtteil). In der Ersten Liga würde Hoffenheim vorerst in Mannheim antreten.

Ist das jetzt doof? Nee, gut. Immer nur Bremenbochumberlin ist öde. Nicht ohne Grund erinnern sich Fans gern an exotische Trips wie jenen in einen Münchner Vorort namens Unterhaching (mal abgesehen von den Fans von Bayer Leverkusen). 2009 wird dann im neuen Stadion gespielt, ein paar Kilometer entfernt: Aber wenn Mönchengladbach sogar den charmant-maroden Bökelberg abreißen darf, um in einen unpersönlichen Fertigbau am Stadtrand zu ziehen, darf Hoffenheim ja wohl auch in der Peripherie spielen. Nicht wahr?

Völlig albern ist vor allem die Empörung über das Mäzenatentum. Der VfL Osnabrück wurde einst von Piepenbrock gefördert, Braunschweig führte dank eines Mäzens die Brustwerbung ein, und Hertha BSC und Nürnberg wären ohne die Kohle ihrer Gönner Roloff und Roth längst aus dem Vereinsregister gestrichen. Fußballklubs sind heute kalte Businessbetriebe. Dietmar Hopp hingegen hat jenen Verein aufgebaut, für den er als kleiner Junge selbst Fußball spielte. Er gab vor 18 Jahren Geld, als die TSG noch im Amateurfußball spielte. Das ist rührend, ja, es verdient Respekt.

Aber bitte, wer auf Hoffenheim gar keinen Bock hat: Die Fans können nach dem Spiel schnell wieder weg, das neue Stadion liegt an der Autobahn. Sogar an die Muffler hat Herr Hopp gedacht. Ist doch nett von ihm! André Görke

Contra

Warum gibt es das Experiment TSG 1899 Hoffenheim in der Bundesliga? Weil ein Mann mit einem Vermögen in Oligarchenqualität Lust dazu hatte. Mehr nicht.

Dietmar Hopp hat das Geld, sich bessere Fußballer zu kaufen als die Konkurrenz sie hat; er hat auch das Geld, einen begabten Trainer zu engagieren, sogar einen mit einer fußballerischen Vision; und er hat auch die Möglichkeiten, alles andere zu kopieren, was einen großen Fußballklub ausmacht. Zu kopieren, wohlgemerkt, mehr nicht.

Was allerdings auch Dietmar Hopp in allen Ehren nicht kann, und so viel kitschige Fußballromantik muss dann doch schon sein, er kann nirgendwo Seele kaufen. Mag ja sein, dass der moderne Fußballbetrieb im Kern ein kaltes Business ist, im Herzen aber ist er es nicht. Überall dort, wo dieser schöne Umstand negiert worden ist, scheiterten die betriebswirtschaftlichen Businesspläne. Borussia Dortmund mochte nicht mehr Bergmann sein, jetzt kämpfen sie dort mühsam ums Mittelmaß. Bayer Leverkusen? Auf der Ebene ihres geldgebenden Konzerns sind sie nie angekommen. Der FC Schalke 04 ist gerade dabei, mit seinen Mischkalkulationen den Titel der Herzen zu verspielen. Man kann diese Liste ganz leicht fortsetzen. Und ist es nicht bezeichnend, dass der sportlich und wirtschaftlich erfolgreichste Klub in Deutschland, der FC Bayern München, gerade der Klub ist, bei dem es menschelt bis zum Gehtnichtmehr? (Noch. Man wird sehen, was kommt, wenn Klinsmann die Macht übernimmt).

Das Tröstliche an der TSG Hoffenheim ist doch: Dergleichen Kunstgebilde sind immer noch in überschaubarer Zeit zusammengekracht. Weil es – Achtung, jetzt kommt nochmal Kitsch – einfach an der Liebe fehlt. Ohne die, wie schön, geht auch im Fußball nichts. Es ist derzeit in Hoffenheim und um Hoffenheim herum gewiss hip, zur TSG zu gehen, und es ist für die Fanschar gewiss auch ganz lustig, den anderen mal zurufen zu können, dass man sie mit ihrem Geld zusch... Aber das ist von sehr begrenzter Komik, und auch nur so lange attraktiv, wie es stimmt und erfolgreich ist. Die TSG 1899 Hoffenheim ist ein regionales Event, und das Publikum genau darauf aus.

Aber wenn die Party mal kippt, und das wird sie, dann wird sich die Hipness schnell verflüchtigen in und um Hoffenheim herum. Weil nicht mal das Geld von Dietmar Hopp ausreicht, um all die Ballacks, Messis, Ribérys nach Hoffenheim zu locken, die der Verein jetzt braucht. Weil ein Event nur Event bleibt, wenn es immer noch schöner, toller und größer wird als im Vorjahr.

Wenn der VfL Bochum also einmal zu Gast ist und womöglich noch 2:1 gewinnt nach einem taktisch klugen aber unattraktiven Spiel, und die Hipness weg ist, dann können sie in Hoffenheim nicht einmal auf den Reiz des Underdogs setzen. Weil sie niemals Underdog waren, sondern nur Dorfverein. Der mal eben dafür gebraucht wurde, um einem seiner Mitglieder, nein, nicht das Profil zu schärfen, das hat Dietmar Hopp nicht nötig. Aber einen Kindheitstraum zu erfüllen. Das ist zu wenig Fundament für einen Bundesligisten.Helmut Schümann

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