Zweite Liga : Gegen die Spitze ist Hertha spitze

Gerade gegen die Aufstiegskonkurrenz beweist Herthas Mannschaft ihre Qualität. Das zeigte sich auch in Braunschweig - vor allem in der zweiten Halbzeit.

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Herthas Mittelfeldspieler Ronny hatte großen Anteil am Erfolg seiner Mannschaft.
Herthas Mittelfeldspieler Ronny hatte großen Anteil am Erfolg seiner Mannschaft.Foto: dapd

Braunschweig - Eine Stunde benötigte Ronny, bis er seinen Schrecken endgültig verspielt hatte. Jedes Mal wenn der Brasilianer zu einem Freistoß oder Eckball schritt, machte sich im Eintracht-Stadion lähmende Stille breit. Dass Ronny, der Mittelfeldspieler von Hertha BSC, einen feinen linken Fuß besitzt, hat sich in der Zweiten Liga längst herumgesprochen; nachdem aber nach einer guten Stunde auch sein x-ter Versuch eher kläglich verpufft war, spendeten die Anhänger des Spitzenreiters Eintracht Braunschweig hämischen Applaus. Im Stadion verfestigte sich die Ansicht, dass das heute mit Ronny wohl nichts mehr werden würde.

Es sollte sich als Irrtum herausstellen.

Eine gute Viertelstunde vor Schluss führte Ronny an der Außenlinie einen Freistoß kurz aus, er bekam den Ball zurück und flankte unbedrängt in den Strafraum, wo Adrian Ramos den Ball zum 1:1-Endstand ins Netz nickte.

Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet Ronny, dieser einstige Schönwetterfußballer, einmal prototypisch für Herthas neue Mentalität stehen würde? Dafür, niemals aufzugeben und es immer wieder aufs Neue zu probieren? Die Mannschaft hat unter ihrem Trainer Jos Luhukay gesunde Abwehrkräfte entwickelt, sie bricht unter Widerständen nicht zusammen, sondern wächst an ihnen. Das war auch am Samstag in Braunschweig so, als Hertha in der ersten Halbzeit gegen den unbesiegten Tabellenführer mit der besten Defensive der Zweiten Liga in Rückstand geriet.

Nach der Pause war das Spiel wirklich so, wie man sich eines mit der Beteiligung des Spitzenreiters vorstellt. Die eine Mannschaft drückt und drängt, die andere zittert vor der Wucht ihres Gegners, macht unter Druck unglaublich viele Fehler, ist meistens, auch gedanklich, zu langsam, und weiß sich oft nur mit Fouls zu wehren. Das war Eintracht Braunschweig. „In der zweiten Halbzeit hat meine Mannschaft ihre Klasse und ihr wahres Gesicht gezeigt“, sagte Herthas Trainer Luhukay. Es ist eine Klasse, der die Konkurrenz meist wenig entgegenzusetzen hat.

Dass die zweite Halbzeit so beieindruckend war, heißt im Umkehrschluss aber auch, dass man die erste Halbzeit gegen Hertha verwenden könnte – so wie man die erste Halbzeit in Bochum gegen Hertha verwenden konnte oder die erste gegen 1860 München, als die Mannschaft nach vorne kaum auffällig wurde. Jos Luhukay erkennt darin aber kein Muster, das auf einen charakterlichen Mangel seines Teams verweist. Für ihn liegt es eher daran, „dass die Gegner sich genau auf uns einstellen und wissen, wie sie uns bekämpfen wollen“. Das müsse man annehmen, ehe man „das Spiel an sich ziehen kann“.

Gegen Braunschweig gelang das auf beeindruckende Weise. Die Berliner erspielten sich einige klare Chancen, ließen auf der anderen Seite aber so gut wie gar nichts zu. Es war das dritte Mal, dass Hertha in dieser Saison auf einen ernsthaften Konkurrenten um den Aufstieg traf. Und wie schon in Kaiserslautern (1:1) und gegen 1860 (3:0) stellten die Berliner das deutlich reifere Team.

Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht musste sich beherrschen, um Hertha nach dem Schlusspfiff nicht schon zum Aufstieg zu gratulieren; er werde das aber beim Rückspiel nachholen, kündigte er an. Seit Saisonbeginn geht das so, dass die Berliner in die Rolle des Aufstiegsfavoriten Nummer eins gedrängt werden. Diese Stellung hat sich Hertha zum Teil auch erkauft, der Verein hält sich immerhin den mit Abstand teuersten Kader der Liga; und trotzdem muss man mit der Situation erst einmal klar kommen.

Bisher deutet nichts darauf hin, dass die Mannschaft unter der Last der Erwartungen einknicken könnte. Luhukays scheinbar großspurige Ankündigung, ab Oktober schwer zu schlagen zu sein, hat sich als ziemlich treffend herausgestellt. Insofern sollte der Rest der Liga ein wenig nervös werden. Herthas Trainer hat gestern das neue Ziel bis zum Jahresende ausgegeben: „Jetzt geht es für uns von Spieltag zu Spieltag darum, näher an Braunschweig heranzurücken, um zur Winterpause auf Platz eins zu stehen.“

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