Zweite Liga : Herthas stabile Mitte

Beim 5:0 in Aachen hat Trainer Babbel Herthas perfektes Mittelfeld gefunden – und bald wohl ein Problem.

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Herthas defensive Zentrale. Fabian Lustenberger stiehlt dem Gegner Bälle und schießt auch Tore. Foto: dpa
Herthas defensive Zentrale. Fabian Lustenberger stiehlt dem Gegner Bälle und schießt auch Tore. Foto: dpaFoto: dpa

So viel Konsequenz war lange nicht bei Hertha BSC, selbst nach dem Abpfiff noch. Die Fußballer des Zweitligisten hatten sich dazu verabredet, nicht mit der Berliner Presse zu sprechen, und weil sie ihren Boykott ernst nahmen, blickten sie auffällig offensiv an den Reportern vorbei, um ja nicht „Guten Tag“ oder Ähnliches sagen zu müssen. Die Spieler wollten nicht mal sagen, dass sie nichts sagen. Es war schließlich Herthas Pressesprecher, der den Journalisten die Nachricht vom allgemeinen Schweigegelübde überbrachte.

Keine Kompromisse. Diese Linie hatten die Berliner auch während des Spiels bei Alemannia Aachen verfolgt. Kompromisslos in der Defensive, kompromisslos im Ausnutzen ihrer Chancen. Vier Mal schossen die Berliner in der ersten Hälfte aufs Aachener Tor, drei Mal landete der Ball im Netz, und am Ende sprang mit einem 5:0 der höchste Sieg in dieser Saison heraus. „Es war ein sehr gutes Spiel“, sagte Herthas Trainer Markus Babbel. Vielleicht sogar das beste bisher? „Es ist auf jeden Fall unter den Top drei.“

Basis des Erfolges war die defensive Ordnung, und es ist wohl kein Zufall, dass in Herthas Zentrum zwei Spieler standen, denen die Gesamtstabilität wichtiger ist als individueller Glanz. Peter Niemeyer und Fabian Lustenberger bildeten in Aachen das defensive Mittelfeld. Der Schweizer Lustenberger ersetzte den verletzten Raffael, der eigentlich Offensivspieler ist und bei Hertha von der Sechserposition aus das Angriffsspiel initiieren soll.

In Aachen war deutlich zu erkennen, dass die Zentrale von zwei Spezialisten besetzt war: Für die Alemannia war in der Mitte kein Durchkommen. Niemeyer und Lustenberger „haben unglaubliche Wege gemacht“, sagte Babbel. „Sie haben die Passwege zugestellt und viele Bälle rausgestohlen.“ Herthas Abwehr kam auf diese Weise nie ernsthaft in Gefahr, die Aachener, immerhin mit dem besten Torschützen und dem besten Vorbereiter der Zweiten Liga in ihren Reihen, erspielten sich in 90 Minuten keine einzige Torchance. Nach sieben vergeblichen Versuchen blieb Herthas Defensive endlich mal wieder ohne Gegentor. „Diesmal haben wir es sehr gut gemacht“, sagte Babbel.

Es war erst das dritte Mal, dass Lustenberger und Niemeyer die Doppel-Sechs der Berliner bildeten. Nur weil der Schweizer sich in der Saisonvorbereitung verletzt hat, hat Hertha Niemeyer überhaupt verpflichtet. Aber die gemeinsamen Auftritte im defensivem Mittelfeld zeigen, dass sie nicht zwangsläufig Konkurrenten sein müssen, sondern auch Partner sein können. Ihre bisherige Bilanz kann sich sehen lassen. Dem Unentschieden beim damaligen Tabellenführer Augsburg folgten zwei hohe Siege (das 5:0 in Aachen und das 6:2 in Karlsruhe) – ein Beleg dafür, dass Offensive nur auf der Basis einer verlässlichen Defensive möglich ist.

„Beide bringen sehr viel Fußballintelligenz mit“, sagt Markus Babbel über Lustenberger und Niemeyer. Sie sind ein wertvoller Stabilitätsfaktor und besitzen die Fähigkeit, dem Spiel ihrer Mannschaft Struktur zu geben, Lustenberger noch ein bisschen mehr als Niemeyer. „Fabian ist ein hervorragender Spieler“, sagt Babbel. „Ich wusste, dass er uns helfen wird.“

Dass Herthas Auftritt in Aachen von großer Klarheit gekennzeichnet war, lag aber auch an den beiden Spielern auf den Außenpositionen im Mittelfeld. Patrick Ebert besetzte die rechte Seite, Linksfuß Nikita Rukavytsya wechselte dafür nach links. Genauso hatte sich Babbel vor der Saison die ideale Besetzung vorgestellt; doch dann riss Ebert in der Vorbereitung das Kreuzband. In Aachen stand er erstmals wieder in der Startelf, und anders als fünf Tage zuvor, nach seiner Einwechslung gegen Cottbus, wusste er diesmal sein Temperament zu zügeln. Babbel hatte der Mannschaft vor dem Spiel noch einmal gesagt, dass „in der Einfachheit die Genialität“ liegt, und Ebert hatte offensichtlich gut zugehört. Er spielte diesmal mit Maß und Muße.

Rukavytsya machte auf der linken Seite sein mutmaßlich bestes Spiel für Hertha, nicht nur, weil er ein Tor schoss, eins vorbereitete und eine Vorbereitung vorbereitete. Es war ein ganz anderer Zug in seinen Aktionen. „Man merkt schon, dass er sich auf der linken Seite ein Stück weit wohler fühlt“, sagte Babbel, der in Aachen möglicherweise die perfekte Besetzung des Mittelfelds gefunden hat. Es gibt nur ein Problem: Wohin mit Raffael, dem angeblich besten Fußballer der Zweiten Liga, der auf dem Tivoli verletzt fehlte?

Fußballtrainer sprechen in solchen Fällen von einem Luxusproblem. Doch neben der fachlichen Seite gibt es auch eine menschliche. Natürlich sei es „ein Stück weit hart“, einem Spieler mitzuteilen, dass er nicht spiele, sagt Babbel. Die ganze Härte könnte Herthas Trainer zumindest für das Spiel gegen den FSV Frankfurt am Freitag erspart bleiben. Raffaels Wadenverhärtung erweist sich als so hartnäckig, dass er erneut auszufallen droht.

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