Zweite Liga : Stasi-Affäre: Wie eisern ist Union?

Kaum ein Klub bedient den Mythos vom ewigen Außenseiter so wie der 1. FC Union. Dass Präsident Zingler bei einem Stasi-Regiment war, passt nicht ins Bild.

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Wohin geht die Reise? Vor allem bei älteren Fans des 1. FC Union stieß die Nachricht von Dirk Zinglers Wehrzeit beim Stasi-Regiment auf Unverständnis. Die Mehrheit der Anhänger hält aber zum Präsidenten.
Wohin geht die Reise? Vor allem bei älteren Fans des 1. FC Union stieß die Nachricht von Dirk Zinglers Wehrzeit beim...Foto: dpa

Noch bevor die Musik einsetzt, liegt An der Alten Försterei Gänsehautstimmung in der Luft. Ein Intro stimmt vor jedem Spiel des 1. FC Union auf die Klubhymne ein, und noch ehe Nina Hagen vom Band zu singen beginnt, verkündet eine dunkle Stimme: „Es war in den goldenen Zwanzigern, so erzählt die Legende, als in Zeiten eines ungleichen Kampfes ein Schlachtruf ertönte...“

Die wenigen Zeilen verraten sehr viel über den Klub aus dem Berliner Stadtteil Köpenick. Die Zeiten haben sich zwar geändert, aber der Kampf, der ist im Bildnis des 1. FC Union und seiner Fans immer gleich geblieben. Gleich ungleich. Der Mythos des ewig Unterlegenen, der sich trotz aller Widerstände und Benachteiligungen gegen die Etablierten durchsetzt, ist über die Jahrzehnte zu einer Art Daseinsberechtigung des Klubs geworden.

Heute werden sie den Kampf gegen einen scheinbar überlegenen Gegner wieder aufnehmen. Ab 15.30 Uhr (live bei Sky) gastiert Greuther Fürth im Stadion An der Alten Försterei, eine Mannschaft, gegen die Union seit dem Wiederaufstieg in die Zweite Liga 2009 noch nie gewinnen konnte. Doch dann gibt es da noch etwas, das für einige vor allem ältere Fans wohl genauso wichtig werden dürfte wie das Spiel: die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Seit unter der Woche bekannt wurde, dass Präsident Dirk Zingler seinen Wehrdienst beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ geleistet hat, ist die zuvor heile Welt des Klubs einigermaßen aus den Fugen geraten. Die Einheit „Dzierzynski“ gehörte zum Ministerium für Staatssicherheit, „dort wurden nur Leute aufgenommen, die vom Kommunismus und der DDR absolut überzeugt waren“, wie der Berliner Autor und Ausgereiste Frank Willmann sagt. Wirklich vom Kommunismus überzeugt war bei Unions Fans zu dieser Zeit aber kaum jemand. Deshalb drohten jetzt in den Diskussionsforen im Internet auch einige mit ihrem Austritt. Die Mehrzahl der Anhänger stellte sich aber auf die Seite des Präsidenten. Alles andere als „Pro Zingler“-Bekundungen wären heute eine Überraschung. Die Fans haben nicht vergessen, wer den Verein 2004 vor dem Aus gerettet und ihn wieder in den Profifußball geführt hat. Ohne Dirk Zingler würde es den 1. FC Union heute vielleicht nicht mehr geben.

Und so hätte die Nachricht über die Vergangenheit des Präsidenten bei vielen Vereinen lediglich ein müdes Schulterzucken hervorgerufen. Bei Union, wo Politik unter den Fans vor allem früher eine Rolle spielte, ist das anders. „Nicht jeder Unioner war ein Staatsfeind, aber jeder Staatsfeind ein Unioner“, so beschreibt Andora überspitzt das Klientel auf den Rängen. Der Berliner Künstler und Union-Fan war in den siebziger Jahren regelmäßig im Stadion anzutreffen. Zu dieser Zeit gingen Oppositionelle bewusst zu Union, weil der Klub „von allen Berliner Vereinen am ehesten einen Querschnitt der normalen Bevölkerung abbildete“, wie Andora sagt. Das Aufbegehren gegen das Establishment ist seit jeher fest verankert in der Klubseele und machte aus dem 1. FC Union eine Art St. Pauli des Ostens. Dass nun einer aus den eigenen Reihen selbst zu den Protegierten gehörte, passt nicht ins Bild. Dirk Zingler hat nach heutigem Stand beim Wachregiment nur Dienst nach Vorschrift geleistet und war nie als Inoffizieller Mitarbeiter tätig. Mit der Entscheidung zu drei Jahren Wehrdienst wollte er sich alle Möglichkeiten für einen gesellschaftlichen Aufstieg in der DDR offen halten. Wenn er nach dem Umbruch offen damit umgegangen wäre, hätte Zingler dieses Kapitel seiner Vergangenheit längst hinter sich lassen können. Nun steht es konträr zu den Lebensläufen vieler alter Union-Fans. Und zum Bild, was Zingler selbst von sich gemalt hat.

Im Schatten des übermächtigen Rivalen BFC Dynamo spielte Union sportlich keine Rolle. Die Mannschaft pendelte stets zwischen Ober- und DDR-Liga, gewonnen wurde kaum etwas. Schuld daran war nach Auffassung vieler das Delegierungssystem im DDR-Sport, wonach kleinere Vereine ihre besten Spieler stets an die Großklubs Dynamo Dresden oder BFC Dynamo abgeben mussten. Gab es bei Union ein herausragendes Talent, war es nur eine Frage der Zeit, bis dieses in Hohenschönhausen beim BFC landete. Natürlich nahmen auch Spieler den umgekehrten Weg, aber die hatten ihren Zenit dann meist schon überschritten. Es war also tatsächlich ein ungleicher Kampf, der zu DDR-Zeiten ausgetragen wurde. Dass der Serienmeister BFC auch noch vom Ministerium für Staatssicherheit getragen wurde, verstärkte die ohnehin schon vorhandene Ablehnung vieler Union-Fans gegen den Staat. „Lieber ein Verlierer sein, als ein dummes Stasi-Schwein“, war ein beliebter Schlachtruf jener Tage.

Vor diesem Hintergrund ist die Angelegenheit um Dirk Zingler so brisant, denn der 46-Jährige gab sich immer als die Reinkarnation der Unioner Fanseele. Einmal hat er im Stadion sogar Sitze entfernen lassen, weil sie ihm zu weinrot waren. Weinrot ist die Farbe des BFC.

Mit dem Fall der Mauer verschwand zwar die Stasi als großes Feindbild, aber Unions Kampf, der blieb ungleich. An die Stelle der DDR trat nun der Kommerzialismus und der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der dem Klub aus dem Berliner Südosten nach Auffassung seiner Anhänger nicht wohlgesonnen war. Immer wieder hatte Union Probleme mit dem Lizenzierungsverfahren, und selbst wenn der Aufstieg in die Zweite Liga wie 1993 schon geschafft war, funkte der DFB gefühlt noch dazwischen. Aus dem 1. FC Union wurden die „Unaufsteigbaren“, der Mythos vom benachteiligten Underdog verfestigte sich endgültig.

Im vereinten Berlin änderte sich die Situation für Union nicht. Der BFC Dynamo fiel ohne die schützenden Hände von Erich Mielke in die Bedeutungslosigkeit, aber dafür gab es mit Hertha BSC einen Rivalen, der größer, mächtiger und sportlich überlegen war. Als sich beide Vereine in der vergangenen Saison in der Zweiten Liga gegenüberstanden, kokettierte Union mit dem Image des David, der gegen einen Goliath antritt, der vom Senat mit einer gestundeten Stadionmiete übervorteilt wird. Am Ende konnte man den Goliath Hertha BSC zu Fall bringen.

Auch heute wird die dunkle Stimme wieder zum Intro erklingen. Am Ende heißt es dort: „Eine Legende nahm ihren Lauf, ein Mythos begann zu leben.“ Die Legende vom unbefleckten Außenseiter hat nun Schaden genommen. Der Präsident wird sie schwer aufrechterhalten können.

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