Sport : Zwischen Aktenordnern und Albas Bank

Trotz des WM-Erfolges hat das deutsche Basketball ein Nachwuchsproblem: Berlin ist die Ausnahme

Benedikt Voigt

Berlin. Wenn Guido Grünheid von seinem ersten Tag als Zivildienstleistender erzählt, muss er grinsen. „Ich arbeite seit Montag im Unfallkrankenhaus Marzahn“, sagt der Nachwuchsspieler von Alba Berlin. „Im Patientenarchiv.“ An seinem ersten Arbeitstag musste er Akten ordnen. Es muss ein sehr ruhiger Job sein, sonst würde Grünheid nicht ständig grinsen. Die Dienststelle hat er mit Bedacht gewählt, denn im Rest der Woche hat er Stress. Heute wird der 20-Jährige in Albas Europaligaspiel gegen Cibona Zagreb (20 Uhr, Max-Schmeling-Halle) auf der Bank sitzen, am Freitag und Samstag mit TuS Lichterfelde und Alba trainieren. Am Samstagabend spielt er mit Lichterfelde in der Zweiten Bundesliga, am Sonntag sitzt er wieder eine Spielklasse höher bei Alba auf der Bank.

„Das ist unser Konzept“, sagt Albas Trainer Emir Mutapcic. In dieser Saison besitzen neben Grünheid auch Aufbauspieler Heiko Schaffartzik und Raed Mostafa eine Doppellizenz. Sie stehen in Albas Mannschaftshierarchie an Nummer elf bis dreizehn. „Momentan kommen wir erst rein, wenn das Spiel schon entschieden ist“, erklärt Grünheid. Zweimal vier Minuten durfte er in der Bundesliga spielen, in der Europaliga noch keine Sekunde. Kein Problem für ihn. „Bei Lichterfelde kann ich momentan am meisten lernen“ Die Liste deutscher Nationalspieler ist lang, die vor ihm den Berliner Weg gingen: Ademola Okulaja, Jörg Lütcke, Marko Pesic, Sven Schultze, Stipo Papic, Stefano Garris, Misan Nikagbatse. Grünheid sagt: „Warum soll ich nicht der nächste sein?“

Doch Alba steht mit dieser Bilanz in Deutschland alleine. Die WM-Bronzemedaille der Nationalmannschaft täuscht darüber hinweg, dass es um den deutschen Basketballnachwuchs nicht gut bestellt ist. Gradmesser ist der zwölfte und letzte Platz der Junioren-Nationalmannschaft bei der EM im Juli. Im Endspiel standen Kroatien und Slowenien. „Die haben vier Millionen Einwohner und zwei Millionen Einwohner“, sagt Mutapcic, „warum hat ein Land mit 80 Millionen nicht diesen Nachwuchs?“

Für Albas Trainer sind die Probleme hausgemacht. Zu wenig deutsche Mannschaften setzen auf deutsche Spieler. Der heutige Gegner ist für ihn ein Beispiel, wie es sein sollte. Alle Spieler von Croatia Zagreb sind Kroaten oder Bosnier. Und der 20-jährige Zoran Planinic hat geschafft, wovon Grünheid träumt: den Sprung in die Stammformation. Albas Konzept ist ähnlich. Abgesehen von den vier Ausländern stehen nur Deutsche im Kader. Dieser Weg ist in Spanien die Regel. „Das wollten wir auch in Deutschland einführen“, sagt der Trainer. Alba konnte sich jedoch gegenüber der BBL nicht durchsetzen. Inzwischen setzen auch Leverkusen und Frankfurt auf deutsche Spieler – mangels Geld.

Immer noch schmerzt Mutapcic, dass Nikagbatse vor zwei Jahren die Berliner verließ. Er ist Deutschlands größtes Talent. Den Schlagzeilen nach müsste das auch für den Regionalligaspieler Peter Fehse aus Halle gelten, der vom NBA-Klub Seattle Supersonics gedraftet wurde. Doch Emir Mutapcic sagt: „Grünheid ist besser.“

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