Sport : Zwischen Cosmos und Galaxy

Von Beckenbauer zu Beckham: Mit dem englischen Star hofft Nordamerikas Fußball auf einen neuen Boom

Claus Vetter,Robert Ide

Berlin - Die Sonne stand senkrecht auf dem Spielfeld, als Franz Beckenbauer in das Stadion von Tampa einlief. Schlachtenbummler in Lederhosen hießen den deutschen Fußballstar in Amerika willkommen. „Soldaten mit Gewehren paradierten, kurzberockte Mädchen warfen die Beine hoch, die amerikanische Nationalhymne wurde gespielt – das konnte doch alles nicht Wirklichkeit sein“, erinnerte sich Beckenbauer später. „Wann immer ich den Ball berührte, hörte ich meinen Namen aus dem Lautsprecher. Zwischendurch erklärte der Sprecher, dass der Torwart als einziger Spieler den Ball innerhalb des Strafraums mit der Hand berühren dürfe.“ So unwirklich wie sich Franz Beckenbauer am 29. Mai 1977 bei seinem ersten Auftritt für Cosmos New York fühlte, könnte bald auch ein anderer Star empfinden: David Beckham. 250 Millionen Dollar in fünf Jahren soll Beckham verdienen, ab August wird der einstige Kapitän der englischen Nationalmannschaft für Los Angeles Galaxy gegen den Ball treten. Wie einst Beckenbauer versteht sich auch Beckham als Missionar des Fußballs in Amerika.

Die Initialzündung aber hat es in der Major League Soccer (MLS) noch nicht gegeben. Deshalb lässt sich die im Sport engagierte Anschutz-Gruppe den Einsatz des englischen Superstars viel Geld kosten. Für Beckham zahlt Anschutz im Jahr rund zehn Millionen Dollar Gehalt – das ist fünf Mal so viel wie der Rest der Mannschaft zusammen bekommt. Beckham verdient am meisten nebenbei: Er kassiert zukünftig an jedem verkauften Trikot mit. Da Beckham seine Imagerechte behält – bei Real Madrid musste er 50 Prozent davon abtreten – verdient nur er an seinen privaten Werbeverträgen. Zurzeit wären das 20 Millionen Dollar im Jahr.

Die Galaxy sind einer von drei Klubs, den die Gruppe von Philip Anschutz, des Milliardärs aus Denver, in der 14 Klubs umfassenden nordamerikanischen Fußballliga ihr Eigen nennt. „Der Sport wurde durch die vielen Klubeigner auf ein gutes Niveau gehoben“, erzählt Detlef Kornett, der Chef der europäischen Filiale der Anschutz Entertainment Group. Vom Washingtoner Klub D.C. United hat sich Anschutz gerade getrennt – die Verkaufssumme von 33 Millionen Dollar erscheint aber vergleichsweise gering. So viel Geld wie mit den unangefochtenen Sportarten Basketball, Baseball, American Football und Eishockey – den sogenannten „großen Vier“ – ist mit Fußball noch lange nicht zu verdienen.

Für sein Eishockeyteam aus der NHL, die Los Angeles Kings, gibt Anschutz viel mehr aus, bei den Kings gibt es 15 Profis mit Millionengehältern. „Die haben aber auch höhere Erlöse aus Merchandising und Fernsehen“, sagt Kornett. „Die MLS ist noch nicht so weit, aber mit Beckham könnte Galaxy in fünf Jahren auf einem Level mit den Kings sein.“

Derzeit sind die Bedingungen noch bescheiden. Ins Galaxy-Stadion passen 28 000 Zuschauer. „Wenn die Arena mal ausverkauft ist, versammeln sich noch einige Tausend Fans auf einem Grashügel hinter einem Tor“, erzählt Ed Derse, Vizepräsident des „Soccer Channel“ der US-Fernsehstation Fox. Bisher liegt der Saisonschnitt von Beckhams Klub bei 18 000. Am Tag nach seiner Verpflichtung wurden allerdings gleich 3500 Saisontickets abgesetzt. Selbst Nighttalker Jay Leno sagte in seiner Show, er wolle sich überlegen, mal bei Los Angeles Galaxy vorbeizuschauen.

„Gerade aus Vermarktungssicht ist Beckham die ideale Verpflichtung für den US-Fußball“, sagt der Soziologe Andrei S. Markovits von der Universität Michigan, der mehrere Bücher über den US-Soccer geschrieben hat. Beckham könne den 20 Millionen amerikanischen Fußballspielern „endlich ein Fernsehgesicht geben“, meint Markovits. Das Vermächtnis der Gastspieler Pelé und Beckenbauer aus den Siebzigerjahren könne nun weitergelebt werden, nachdem die Soccerliga zwischenzeitlich im Chaos versunken war und nun – mit einem Zuschauerschnitt von etwa 20 000 pro Spiel – wieder langsam wächst. Inzwischen gibt es auch ein Publikum für Fußball in der Mittelklasse: die spielenden Jugendlichen und die vielen Mädchen, die wie im Erfolgsfilm „Kick it like Beckham“ ihrem Idol nacheifern.

Viele Idole hat der Fußball in Nordamerika noch nicht gesehen. Der erfolgreichste deutsche Fußballer in Übersee war Karl-Heinz Granitza. Von 1979 bis 1990 spielte der einstige Bundesligaprofi für Chicago Sting, in der damaligen North American Soccer League. 1982 wurde Granitza in Chicago zum Sportler des Jahres gewählt – vor Muhammad Ali und Basketball-Superstar Michael Jordan. Granitza ist sich sicher, dass Beckham den Fußball in Nordamerika „unglaublich weiterbringen wird, denn solche Typen brauchen die“. Außerdem sei Beckham ein herausragender Fußballer: „Der zerreißt sich für die Mannschaft.“ Granitza glaubt, dass der Engländer der erste von vielen Prominenten ist, die nach Übersee wechseln. „New York sucht auch einen Star, Chicago will auch einen guten Namen verpflichten“, sagt der 55 Jahre alte ehemalige Profi. Granitza glaubt, dass Philip Anschutz, dem in Deutschland die Eishockeyklubs Eisbären Berlin und Hamburg Freezers gehören, der Motor der MLS ist. „Der hat schon einen dreistelligen Millionenbetrag in den Fußball gesteckt“, sagt Granitza. Aber die Amerikaner würden nichts umsonst tun. „Durch Beckham wird der Stellenwert des Fußballs steigen, das wird sich rentieren.“

Um den spektakulären Wechsel zu ermöglichen, hat die Profiliga MLS  extra ihre Statuten geändert, die bislang eine Gehaltsobergrenze vorsahen. Der bald bestbezahlte Fußballer in den USA betont derweil seine Funktion als Botschafter. „Auf der ganzen Welt ist Fußball groß, nur in Amerika nicht“, sagt Beckham. „Das möchte ich ändern.“ Geschäftsmann Detlef Kornett prognostiziert, dass Beckham das auch kann. „Aus der europäischen Perspektive werden viele sagen: Beckham ist auf dem absteigenden Ast. Aber in Amerika wird er helfen, etwas aufzubauen.“ Bislang sei es ein Problem, dass die amerikanischen Topspieler nach Europa wechseln. Im Nachwuchsbereich hätten die USA, deren Nationalteam sich seit Jahren gut entwickelt, viel Potenzial.

Den Durchbruch wird Fußball in Nordamerika indes wohl erst schaffen, wenn das US-Team einmal Weltmeister wird, prophezeit Markovits. „Aber das wird nicht vor 2024 der Fall sein“, sagt der Wissenschaftler und Fußballfan. Mit Beckham, einem Star der Sport-, Mode- und Werbebranche in einem, werde der Anschluss an andere Sportarten aber forciert, glauben viele. Weil der Glamourfaktor bei dem smarten Engländer samt prominenter Gattin stimmt. Einen Miroslav Klose könnte man in Amerika „wohl noch nicht so wie David Beckham als Marienikone präsentieren“, sagt Kornett.

Was den US-Fußballfans Freude bereiten soll, kann für Beckhams bald ehemaligen Arbeitgeber Real Madrid noch teuer werden. Die Finanzexperten des spanischen Rekordmeisters rechneten nach Presseberichten vor, dass der Klub einen großen Teil seiner Einnahmen von 290 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr der Anziehungskraft des 31-jährigen Beckham zu verdanken hatte. „Real kann es sich nicht leisten, auf ihn zu verzichten“, schreibt „Marca“. Und der Autor fügt fast neidisch an: „Hollywood hat nun den Star, der dort noch fehlte.“

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