Sport : Zwischen den Fronten

Der Automobil-Weltverband klagt gegen Mercedes wegen der geheimen Reifentests mit Pirelli.

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Abreibung. Die heimlich getesteten neuen Reifen bringen Mercedes Probleme. Foto: dpa
Abreibung. Die heimlich getesteten neuen Reifen bringen Mercedes Probleme. Foto: dpaFoto: dpa

Berlin - Der Formel-1-Rennstall Mercedes und Reifenhersteller Pirelli müssen sich vor dem Internationalen Tribunal der Fia verantworten. Das teilte der Automobil-Weltverband am Mittwochabend mit. Es bestehe der Verdacht, dass beide mit geheimen Testfahrten Mitte Mai Fia-Regeln gebrochen haben. Die Konkurrenten Red Bull und Ferrari hatten dagegen protestiert.

Die Mercedes-Verantwortlichen Niki Lauda und Toto Wolff hatten erst kürzlich gesagt, die drei Testtage in Barcelona seien von der Fia schriftlich genehmigt worden. Dort hatten die Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton 1000 Kilometer auf neuen Reifen zurückgelegt. Es gebe einen Vertrag zwischen Reifenhersteller und Weltverband, der das ermögliche. Ein Protest sei „doch eh sinnlos, die haben keine Chance“, sagte Lauda zu Beginn der Affäre und wettete mit Red-Bull-Sportdirektor Helmut Marko um 50 Euro, „dass da überhaupt nichts passiert“.

Und das wäre es auch nicht, hätte Mercedes zu den Tests nicht die aktuellen Wagen auf die Strecke geschickt. Auch Ferrari hatte im April neue Pirelli-Reifen getestet – allerdings mit einem 2011er Modell. Die Untersuchung dazu wurde von Fia-Präsident Jean Todt nun eingestellt.

Nach dem Verständnis von RTL-Experte Christian Danner widerspricht der Mercedes-Test dem sportlichen Reglement der Fia, das Tests mit aktuellen Autos während der Saison verbietet. Auch Sonderabsprachen zwischen Fia, Pirelli und den Teams – auf die sich Mercedes und Pirelli berufen – müssten in Übereinstimmung mit diesem sportlichen Reglement stehen. „Wie man damit jetzt umgeht, das muss freilich das Gericht entscheiden – bis dahin gilt Mercedes als unschuldig“, sagt Danner.

Worauf er anspielt: Entscheidungen in solchen Fällen sind hochpolitisch. Ob nun das jetzige „Testgate“ oder wie 2007 das „Spygate“, die Spionage-Affäre zwischen McLaren und Ferrari, die das englische Team damals 100 Millionen Dollar Strafe kostete. Einerseits kann es sich die Fia eigentlich nicht leisten, Mercedes übermäßig zu verärgern und an den Pranger zu stellen. Denn die Gefahr wäre zu groß, dass sich Mercedes womöglich aus dem Rennsport zurückziehen würde. Andererseits toben natürlich die anderen Teams, die sich durch den Test benachteiligt sehen. Peter Sauber sprach bereits offen von Betrug, Franz Tost, Teamchef bei Toro Rosso, vom „gravierendsten Vergehen der letzten Jahre“.

Mercedes könnte nun in die Mühlen der ganz großen Formel-1-Politik geraten. Fia-Präsident Jean Todt lässt im Normalfall keine Gelegenheit aus, gegen Bernie Ecclestone zu schießen. Und Mercedes gilt dank der guten Verbindungen von Lauda und Wolff zum großen Formel-1-Boss als eindeutig dem Ecclestone-Lager zugehörig. Ein Insider, der anonym bleiben möchte, ist sich sogar sicher, dass Ecclestone an den Absprachen zwischen Pirelli und Mercedes direkt beteiligt gewesen sei.

Am kommenden Sonntag beim Formel-1-Rennen in Kanada sollten nun eigentlich die Reifen, die Mercedes ohne Kenntnis getestet hatte, zum Einsatz kommen. Nach Bekanntwerden der Tests und dem Protest von Red Bull und Ferrari hatte sich Pirelli aber entschieden, die überarbeiteten Reifen nun erst beim achten WM-Rennen in Silverstone einzusetzen. Der Reifenhersteller hatte diese Entscheidung getroffen, um die sportliche Gleichheit zu gewährleisten. Ungeachtet dessen betonte Weltmeister Sebastian Vettel in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ mit Blick auf die Extrarunden, die Pirelli zwar mit der Fia vereinbart hat, zu denen aber alle Teams eingeladen werden müssen: „Ich sehe diese Tests kritisch. Jeder Testkilometer bringt Vorteile.“ Ob auch ein Verstoß gegen das Regelwerk vorliegt, muss nun das Internationale Tribunal entscheiden. Dem maximal zwölfköpfigen Gremium bleiben nach Erhalt der Anklage 15 Tage Zeit, das weitere Vorgehen festzulegen. Karin Sturm

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