Sport : Zwischen den Zeiten

Am Tag nach der Trainer-Entscheidung für Falko Götz musste sich Hertha BSC mit der tristen Gegenwart beschäftigen: dem Abstiegskampf

André Görke,Klaus Rocca

Von André Görke

und Klaus Rocca

Berlin. Am Tag danach hat Falko Götz das getan, was er eigentlich nicht tun wollte: Der neue Trainer von Hertha BSC schaute am Mittag auf der Geschäftsstelle seines neuen Arbeitgebers vorbei und sorgte somit für Irritationen. Wollte Götz nicht bis zum Amtsantritt in den Urlaub fahren und den derzeitigen Trainer Hans Meyer in Ruhe seines so schwierigen Amtes walten lassen? Falko Götz wollte dazu nichts sagen und verschwand lieber im Büro, gemeinsam mit Michael Preetz.

Berlins Fußball-Bundesligist befindet sich einen Tag nach der Präsentation des künftigen Trainers zwischen den Zeiten: In der Gegenwart muss sich der Klub plötzlich um seine Zukunft kümmern. Und das ausgerechnet vor dem so wichtigen Heimspiel am Samstag gegen Borussia Dortmund. „Wir haben eigentlich andere Sorgen“, sagte Herthas Mittelfeldspieler Andreas Neuendorf, als er vom Trainingsplatz lief und nach Götz gefragt wurde. „Es geht allein um den Abstiegskampf, nicht um Falko Götz.“

So ging das den ganzen Mittwochnachmittag, den ganzen Donnerstagmorgen, und wahrscheinlich werden die Fragen nach der absehbaren Zukunft erst aufhören, wenn Götz am 1. Juli seinen Dienst antritt. „Wir sollten bis dahin nicht vergessen, dass Hans Meyer unser Trainer ist“, sagte Neuendorf.

In einem Seitenflügel der Geschäftsstelle stand Herthas Manager Dieter Hoeneß zur gleichen Zeit an einem Stehtisch, sah entspannt aus, kniff aber die Augen zusammen, als er auf Falko Götz angesprochen wurde. Eindringlich, fast beschwörend sagte Hoeneß: „Die Spieler kümmern sich jetzt nur um die Gegenwart, nicht um die entferntere Zukunft.“ Nichts wünscht sich Hoeneß mehr als den Übergang zur Tagesordnung. Auch Hans Meyer beteuerte, dass „die Personalie der Zukunft derzeit nur sekundär ist. Jetzt ist nichts wesentlicher als die drei letzten Saisonspiele.“ Borussia Dortmund, 1860 München, 1. FC Köln – so heißen die Gegner im Abstiegskampf.

Dennoch, wer könnte es den Spieler verdenken, dass sie auch schon an die nächste Saison denken, wie ihre Chancen stehen unter dem dann neuen, alten Trainer Falko Götz? Christian Fiedler zum Beispiel. Der hat vor zweieinhalb Jahren seinen Stammplatz verloren, als Götz als Interimstrainer einsprang. Warum, das habe er nie verstanden, hat Fiedler vor einigen Wochen gesagt, die Entscheidung habe ihm der Trainer nie erklärt. Gestern sagte Fiedler lakonisch: „Der Verein hat eine Trainerentscheidung getroffen.“ Mehr sagte er nicht, genauso wenig wie Ersatzmann Gabor Kiraly, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft. Götz hatte Kiraly damals zum Stammkeeper ernannt. Schöpft Kiraly nun neue Hoffnung? „Kein Kommentar.“ Um Ruhe in die Diskussion zu bringen, versicherte Hoeneß, dass die aktuelle Situation nicht mit der damaligen zu vergleichen sei. „Fiedler leistet gute Arbeit.“

Es gibt noch andere Kandidaten, die sich um die Zukunft Gedanken machen. Pal Dardai zum Beispiel. Er wird seinen Vertrag in der kommenden Woche verlängern. Auch Andreas Neuendorf hat gute Chancen, dass er bei Hertha bleiben und unter Götz eine wichtigere Rolle spielen wird als in den vergangenen Wochen. Neuendorf war unter Meyer eher taktisches Opfer, weil dieser wiederholt nicht allzu offensiv spielen wollte.

Viele machen sich jetzt Hoffnungen, allen voran Niko Kovac. Der warf sich im Training wie ein Kamikaze-Jäger in einen hart getretenen Freistoß von Alexander Madlung, sodass die Kollegen anschließend applaudierten. Kovacs Vertrag läuft noch bis 2005. Bei Meyer war Kovac, dem Hoeneß vor Saisonbeginn „Führungsqualitäten, positive Aggressivität, selbstbewusste Körpersprache und Raffinesse“ prophezeit hatte, zuletzt nicht einmal mehr Reservist. Beim Training lobte er zwar Kovac, schrie aber Sekunden später: „Du zeigst die Leistung vier Monate zu spät.“

Und Fredi Bobic? Trainer Götz ist bekanntlich ein Anhänger des Offensivfußballs. Dass er, wie Meyer des Öfteren, in einem Heimspiel nur mit einer Sturmspitze antreten lässt, ist unwahrscheinlich. Doch Götz ist natürlich auch in München nicht entgangen, dass Bobics sportliches Ansehen gefallen ist, in der Nationalmannschaft und im Verein.

Dass Bobic gestern beim Fußballtennis eher schwach war, ist Meyer nicht entgangen. Götz hat nicht vorbeigeschaut. Es ist auch nicht ganz klar, ob er sich die Bundesligaspiele von Hertha im Stadion anschauen wird. Eigentlich wollte er ja noch ein wenig Urlaub machen. Eigentlich.

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