Sport : Zwischen Deutschlandhalle und Velodrom ist ein Unterschied wie Tag und Nacht

Thomas Zellmer

Es gab Jahre, da waren die Berliner Sechstagerennen von den Sportseiten einiger Tageszeitungen so gut wie verschwunden. Mitte der achtziger Jahre, als sich die Deutschlandhalle mehr schlecht als recht mühte, das Genre am Leben zu erhalten, berichtete auch der Tagesspiegel vornehmlich im Lokalteil über das zunehmend umstrittene Amüsement. "Wenn es in erster Linie um den Absatz von Hektolitern Bier und Tonnen von Bratwürsten geht, hat das doch nichts im Sportteil einer seriösen Zeitung zu suchen", hieß es damals. "Nur die Radfahrer stören ein bisschen", war des Volkes Stimme damals in Eichkamp zu vernehmen, als sogar barbusige Mädchenbands das Sechstagerennen garnierten.

Der ohnehin in Zweifel stehende sportliche Anspruch wurde immer mehr in Frage gestellt, weil auch die großen Rennfahrernamen, die Persönlichkeiten, zu jener Zeit fehlten. Die Zuschauer blieben aus, der Tiefpunkt war erreicht - das 1990 in der Deutschlandhalle verkündete Aus für das Berliner Sechstagerennen kam dann fast schon einer Erlösung gleich. Die berechtigte Skepsis bei der Wiederbelebung 1997 im Velodrom war dann schon im Auftaktjahr nahezu verflogen.

Sally Julian Rothholz, Geschäftsführer von Velomax (dem Betreiber des Velodroms), hat das Ende der Deutschlandhalle hautnah miterlebt. Als Leiter der Abteilung Sport und Show im damaligen Messebetrieb. Mit Rennleiter Otto Ziege hatte er schon damals zu tun. "Wenn ich heute das Velodrom sehe und an die letzten beiden Sixdays in Eichkamp zurückdenke, dann ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Natürlich gibt es auch hier in der Arena an der Landsberger Allee noch einiges an der Infrastruktur zu verbessern - aber im Vergleich zu den damaligen Verhältnissen in der Deutschlandhalle sind das eher kleine Makel in einem Paradies", sagt Rothholz. Der heute 51-jährige Rothholz kam an der Hand seines Vaters im Sportpalast zum ersten Mal zum Sechstagerennen, begeisterte sich später für Klaus Bugdahl, Siggi Renz, Didi Thurau und Danny Clarke, hat aber den heutigen Rennleiter Otto Ziege nie als Rennfahrer erlebt.

Dass auch die gestrige Finalnacht zu einem vollen Erfolg für das Velodrom werden würde, daran bestand auch für Rothholz kein Zweifel. Ebensowenig, dass am Ende wieder einmal nur Reifenstärken über den Gesamtsieg entscheiden würden - "das gehört zu einem Sechstagerennen, so muss es sein". Von einer sportlichen Regie beim "Gesamtkunstwerk" Sechstagerennen zu sprechen, verbietet sich da von selbst.

Die Daumen drückte Sally Rothholz im Finale für Robert Bartko und Scott McGrory, von Beginn an seine Geheimfavoriten. Dass der Berliner (eigentlich Potsdamer) Lokalmatador Bartko als Sechstage-Eleve so stark fährt, war die sportliche Überraschung der Tage im Velodrom. Und das ist doch auch schon etwas. Dass am Ende eher "die üblichen Namen" vorne sein würden, wie es der dänische Sechstagefuchs Jimmi Madsen ausdrückte, tut dann auch niemandem weh. Denn: nächstes Rennen, neues Glück. In Bremen ticken die Uhren vielleicht wieder ganz anders. Oder doch nicht? Aber das ist eigentlich auch egal. Die 19- bis 41-Jährigen, der "Kindergarten der Rennfahrer", wie es Otto Ziege immer liebevoll-väterlich auszudrücken weiß, wird wieder rangeln und hangeln im Streit um die besten Fleischtöpfe. Unzufrieden und am Ende dann doch zufrieden sein. Mit der Gage. Denn die wiegt jedenfalls heutzutage die Strapazen auf.

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