Sport : Zwischen Erfolg und Affäre

Emil Beck ist tot – der Vater der Fechter

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Emil Beck konnte nie verstehen, warum man ihn nicht nur an der Zahl seiner Medaillen (163 bei Olympia, WM, EM) gemessen hat, sondern auch daran, wie sie zustande kamen. Er war doch der Goldschmied, der das Fechtwunder in Tauberbischofsheim geschaffen hat. Er, das jüngste von 13 Kindern aus bescheidenen Verhältnissen, hatte es bis ganz nach oben gebracht, und dafür wollte er bewundert werden. Sein Bedürfnis nach Anerkennung hatte ein Symbol: den Flur zu seinem Büro. Dort hingen ihre Bilder alle an der Wand, deren Größe er seiner würdig befand: Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Erwin Teufel, Gerhard Mayer-Vorfelder. Mit ihrer Hilfe hat er ein kleines Königreich gebaut, das so verzweigt war, dass es nur noch einer durchschaute: Emil Beck. Er ist nie zur Ruhe gekommen. Dass er darüber seine Gesundheit ruinierte, hat er in Kauf genommen. Es gab da ja die Sonnenbank, auf der er frühmorgens zu liegen pflegte. „Wenn du braun bist“, so sein legendärer Satz, „fragt dich keiner, ob’s dir schlecht geht.“

Ihm ist es oft schlecht gegangen, und zwar immer dann, wenn seine Fechter seine Ansprüche nicht erfüllten. Wer ihn erlebt hat nach Niederlagen, nach den Olympischen Spielen von Atlanta 1996 zum Beispiel, als es nur einmal Bronze gab, der hat einen Menschen erlebt, der selbst geschlagen schien. Ein Häuflein Elend, das fertig war mit der Welt, nach seinen Beruhigungspillen griff, und nur mit Mühe zu sich fand, das heißt zu seinem Bild, das er von sich entworfen hatte. In solchen Augenblicken sagte er, ein Emil Beck sei „über ein Meer von Siegen“ gegangen, jetzt durchschreite er einen Tümpel. Vielleicht hat er sich wirklich für den Moses vom Taubertal gehalten.

Gewiß aber wähnte er sich als Vater der Fechter – von Thomas Bach bis Anja Fichtel. Für sie wollte er sein letztes Hemd ausziehen, behauptete er immer wieder, sie hat er auch unterstützt, wenn es galt, ihnen über seine Seilschaften Jobs zu besorgen. Aber nur denen, die sich seiner autokratischen Herrschaft unterwarfen. Andere waren Vatermörder. Wie Alexander Pusch und Matthias Behr, die er 1999 aus dem Fechtzentrum werfen wollte, weil sie ihm zu faul erschienen. Ausgerechnet sie, die er nach eigenem Dafürhalten zu Fechtlegenden geformt hat, die ihm lebenslang hätten dankbar sein müssen.

Doch dieser Schritt war zuviel der Hybris. Plötzlich öffneten sich Schleusen, die Beck mit seinem altfränkischen Filz sorgsam verschlossen hatte. Jetzt wurde das andere Gesicht des Übervaters erkennbar. In sein Labyrinth hatte er Dunkelräume eingebaut, die nur er kannte. Plötzlich kamen Privatverträge, Aufwandsentschädigungen, Honorare für Familienmitglieder ans Tageslicht.

Während sich die Öffentlichkeit über den Beckschen Selbstbedienungsladen wunderte, erstaunte der Betroffene durch ein Selbstverständnis, das kein Unrechtsbewusstsein verriet. Der Napoleon vom Taubertal, wie ihn sein Hofbiograph nannte, erklärte, das Geld stehe ihm zu, weil sein Werbewert für das Fechtzentrum entsprechend hoch sei. Das wiederum mochte die Mannheimer Staatsanwaltschaft nicht akzeptieren und begann zu ermitteln. Ihr Fazit: Beck habe seine Medaillenschmiede um rund eine Million Euro geschädigt. Zuletzt ließ das Landgericht Mannheim die Klage zu. Sie lautet auf Untreue in sieben und Urkundenunterdrückung in fünf Fällen.

Für Beck brach eine Welt zusammen. Verbittert zog er sich zurück. Erst Ende 2005 meldete sich der inzwischen 70-Jährige wieder in der Öffentlichkeit. Er könne wieder lachen, erzählte Beck, und mit seiner Frau singen, wenn sie spazieren gingen. Lange hätten sie sich gefühlt wie „räudige Hunde“, die man vor die Tür gesetzt habe. Aber jetzt habe er wieder große Pläne. Er werde Geschäftsführer eines Golfklubs bei Backnang, berichtete er, und plane eine Fechtgala in dem Tiroler Promihotel Stanglwirt nahe St. Johann. Das werde die tollste Veranstaltung, die er je gemacht habe. Es wird sie nicht mehr geben. Am Sonntag ist Emil Beck an Herzversagen gestorben.

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