Sport : Zwischen Rollstuhl und Radio

Chantal Petitclerc ist Kanadas populärste Behindertensportlerin – und eine Mediengröße

Frank Bachner

Berlin. Wenn Chantal Petitclerc im vergangenen Jahr ihren Freund sah, war es meistens um zwei Uhr nachts. Er kam gerade nach Hause, sie stand gerade auf. So läuft das eben, wenn der eine Musiker ist und die andere morgens um fünf Uhr am Mikrofon einer Radiostation in Montreal sitzt und Sportnachrichten vorliest. Bis um neun Uhr dauerte Chantal Petitclercs Einsatz in der Sendung „C’est bien meilleur le matin“, danach trainierte die Rollstuhlfahrerin, und wenn sie dann nach Hause kam, schlief sie sofort ein. Das ganze Jahr 2002 verbrachte sie ab fünf Uhr im Sender, fünf Tage die Woche. Irgendwann wusste sie: So geht das nicht weiter. 2002 hat sie zwar noch das 800-m-Rennen der Rollstuhlfahrer bei den Commonwealth Spielen in Manchester gewonnen. Viel mehr aber auch nicht. Also wird sie bis zu den Paralympics 2004 zumindest das Mikrofon im Radiostudio nicht mehr anfassen.

Dass sie überhaupt ans Mikrofon durfte, dass sie unverändert zweimal pro Woche im kanadischen Fernsehen die Lottofee in der Sendung „Loto-Quebecs“ spielt, das hat natürlich mit ganz anderen Medaillen zu tun. Mit den neun Gold- und Silbermedaillen, die Chantal Petitclerc bei den Paralympics 1996 und 2000 gewonnen hatte. Diese Medaillen adeln sie zur populärsten Rollstuhlfahrerin Kanadas. Im Jahr 2000 wurde sie sogar zu „Kanadas Sportlerin des Jahres“ gewählt, aus allen behinderten und nicht-behinderten Sportlern und Sportlerinnen des Landes.

Wenn sie am Sonntag den Berlin-Marathon gewinnen sollte, vergrößert das ihre Chancen bei der Wahl zu „Kanadas Sportler 2003“ nicht wirklich, aber es wäre ein weiterer Erfolg. Immerhin hat sie ja auch schon mal den größten Rollstuhl-Marathon der Welt gewonnen. In Ouita, Japan, kämpfen regelmäßig 400 Athleten um den Sieg, darunter 100 Frauen.

Und natürlich würde ein Sieg in Berlin „Alcan“, ihrem Sponsor, gefallen. „Aluminium Kanada“, das zweitgrößte Unternehmen des Landes, sponsert die 33-jährige diplomierte Sozialwissenschaftlerin. Seit 1996 kann die Petitclerc deshalb als Profi leben. 1996 kehrte sie mit drei Gold- und zwei Silbermedaillen von den Paralympics nach Montreal zurück. Ab diesem Punkt wurde der Behindertensport in Kanada wirklich anerkannt. Auf dem Flughafen warteten Fotografen und Fans, und kurz darauf nahm Alcan die Rollstuhlsportlerin unter Vertrag. Seither redet sie vor Alcan-Managern über das „Überschreiten der persönlichen Grenzen“ und präsentiert in bunten Werbefotos ihren Rollstuhl aus Aluminium. Und inzwischen wissen vermutlich ziemlich viele Sportfans in Kanada aus den Medien, dass Chantal Petitclerc seit ihrem 13. Lebensjahr querschnittsgelähmt ist. Da fiel ihr beim Spielen auf einer verlassenen Farm ein morsches Scheunentor auf den Körper.

Kanadas Sportfans haben aber auch im Fernsehen verfolgt, dass die Vorzeige-Rollstuhl-Athletin bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Paris über 800 m nur Vierte wurde. Es war zweifellos ein Imageverlust für sie. Allerdings nur für einen Tag. Direkt nach dem Rennen in Paris absolvierte sie mit viel Wut im Bauch in der Schweiz ein 400-Meter-Rennen. Als sie durchs Ziel rollte, hatte sie den sieben Jahre alten Weltrekord verbessert.

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