Sport : Zwischen Stall und Maniküre

Katharina Werning sollte das Gesicht des Galoppsports werden – nach einem Sturz kehrt sie zurück

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Obenauf. Privat sitzt Katharina Werning längst wieder im Sattel. Nur für Starts auf der Rennbahn ist sie nach mehreren Verletzungen noch nicht fit genug. Foto: Imago
Obenauf. Privat sitzt Katharina Werning längst wieder im Sattel. Nur für Starts auf der Rennbahn ist sie nach mehreren...Foto: IMAGO

Es sind ihre Hände, die keinen Zweifel daran lassen, dass Katharina Daniela Werning ihr Leben wieder im Griff hat. Es sind breite Hände, die groß und kräftig wirken an der zierlichen Frau. Die Anstrengungen, die hinter ihnen liegen, haben auf diesen Händen keine Spuren hinterlassen. Die Zukunft hingegen zeichnet sich ab, dezent aber unablösbar: modellierte Fingernägel. Es sind ihre Hände, die verraten, dass Katharina Werning ziemlich genau in der Mitte steht zwischen Stall und Maniküre, harter Arbeit und schöner Erscheinung.

Sie sollte zum Gesicht des deutschen Galopprennsports werden, war es vielleicht schon, dann konnte sie nicht mehr reiten.

Mitte Dezember 2009 will Katharina Werning bei einem Showrennen in Dortmund starten. Auf dem unbeleuchteten Weg zur Rennbahn scheut ihre Stute Felicia plötzlich. Werning verliert den Halt, stürzt mit dem Kopf auf den Betonboden. Sie erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma, liegt zwei Wochen lang im Krankenhaus, zwei Tage davon sogar im Koma; und sie verliert ihr Gedächtnis.

„Ich will nie wieder reiten“, ist ihr Gedanke nach dem Unfall. Zwei Monate verbringt Werning in einer Reha-Klinik, bis sie es nicht mehr aushält und bald gegen den Rat der Ärzte wieder aufs Pferd steigt. Und erneut stürzt: Rückenprellung.

Katharina Werning, 26 Jahre alt, Rennreiterin, will trotzdem zurück auf den Turf. So bald wie möglich.

Und Katharina Werning, Model, 1,70 Meter groß, 52 Kilo schwer, Konfektionsgröße 36, will Karriere machen jenseits der Rennbahn. Tut das schon, Stück für Stück.

Werning, Geschäftsfrau, setzt das eine für das andere ein: ihr Aussehen für den Sport, den Sport für das Geschäft. Seit 2007 hat sie einen Manager, der ihr dabei hilft.

Nach ihrem schweren Sturz wusste sie erst nicht, wer sie war. Dann fiel ihr der eigene Name wieder ein, sie googelte sich, stieß auf ihre Internetseite – und war stolz auf das, was sie dort fand. „So jung und so viel erreicht!“ Vor dem Sturz hatten die Zeitungen von der „blonden Galopp-Fee“ geschrieben, von der „süßen Kathi“. Worte, die an ihr kleben wie die künstlichen Fingernägel. Sie stören sie nicht.

Nicht alle ihre Galoppsport-Kollegen schätzen den Weg der Selbstvermarktung, den Werning einschlug. Es muss doch um den Sport gehen, nicht um Äußerlichkeiten, sagen sie. Werning aber weiß: Allein mit Siegen und Niederlagen, mit Pferdenamen und Gesichtern, halb versteckt unter Reithelmen, ist keine Aufmerksamkeit zu gewinnen. „Neid“, sagt sie, „muss man sich erarbeiten.“ Und sie lächelt.

Um kurz nach acht sitzt Werning Ende Januar im Frühstücksraum eines Berliner Hotels. Sie ist für ein Modeshooting in die Stadt gereist, am Tag zuvor fuhr sie noch Trabrennen in Gelsenkirchen. Im Sulky sitzt sie seit Neuestem, für die Galopprennen ist sie noch nicht fit genug. Zu 99 Prozent sei alles okay, sagt sie. Zu 100 noch nicht. Seit dem Sturz hat sie oft Kopfschmerzen. Die Trabrennen seien da „eine gute Alternative“. Durchschnittsgeschwindigkeit nur 50 km/h, nicht mehr als 60 wie im Renngalopp. „Man kann ein bisschen üben, es ist unkompliziert und außerdem gemütlicher.“

Zu Hause trainiert sie längst auch wieder Galopper. Sie wohnt bei den Eltern in Dortmund, vor der Tür die Rennbahn der Familie. Sie alle reiten, sechs Geschwister und Halbgeschwister, der Vater war selbst Jockey, nun ist er Trainer. Drei Pferde des Vaters reitet sie morgens früh – bevor sie ins Büro nach Gelsenkirchen fährt. Gemeinsam mit ihrem Manager Dietrich von Mutius gründete sie eine Agentur, zudem arbeitet sie als Moderatorin, kommentiert vor der Kamera Rennen und spricht mit Experten.

An Arbeit mangelt es nicht, schwierig wird es allein, an gute Pferde zu kommen. Denn im Galoppsport werden die Jockeys für Rennen gebucht. Je größer der Erfolg, desto besser die Pferde, die angeboten werden. Werning hilft es nun wenig, dass sie in ihrer Karriere schon mehr als 150 Siege erritten hat. Sie ruft bei Trainern an: Hallo, ich bin wieder da, wiege 52 Kilo. Aber nicht jedes Pferd, das man ihr anbieten wird, will sie auch reiten. „Die schwierigen nehme ich nicht mehr“, sagt sie.

Sie will nicht mehr jedes Risiko eingehen. Nach dem zweiten Sturz, als die Kopfschmerzen blieben und der Schwindel, habe sie das endlich eingesehen. Sagt auch ihre Mutter Maria Werning, die Knochenbrüche in der großen Familie gewohnt ist. Sieben Mal brach sich einer ihrer Söhne das Schlüsselbein. „Das ist nichts“, sagte man ihr in der Szene. „21 Mal, das wäre etwas.“ Die jüngere Schwester hat sich vor kurzem zwei Brustwirbel gebrochen, auch Katharina Werning erlitt in ihrer Karriere schon Wirbelfrakturen. Immer stieg sie anschließend wieder aufs Pferd.

Statt 350 Ritte im Jahr, wie früher, will sie nun aber nur noch 35 annehmen. Und unfallfrei reiten. Damit der eine Teil ihres Lebens ihr den zweiten nicht verdirbt.

Der findet an diesem Januarmorgen in einem Schöneberger Fotostudio statt. Werning soll fotografiert werden für den Katalog einer Modefirma. „Confident sexy“ ist das Motto der Kampagne, selbstbewusst und sexy. Sie blättert durch ein paar Kataloge. „Eher cool und lässig“, kommentiert sie die Mode. Für ein Männermagazin hat sie sich kürzlich auch ausgezogen. Manager von Mutius wachte dabei darüber, dass von Katharina Werning zwar viel, aber dann doch nicht alles zu sehen war. Auch diese Fotos, glaubt er, nutzen am Ende dem Galoppsport.

So sieht man es auch beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen, der obersten Verwaltungsstelle für den Galoppsport. „Eleganz und kraftvoller Durchhaltewillen“ vereinten sich in Werning, sagt Geschäftsführer Andreas Tiedtke, und fast klingt es so, als spreche er über ein Pferd. Werning stehe damit „für unseren gesamten Reitsport“. Werbung auf Umwegen, sozusagen. Und wer weiß schon, ob es klappt mit dem Comeback auf der Rennbahn. In Hoppegarten jedenfalls, Anfang April, klappt es erst mal nicht.

Auch beim Berliner Modeshooting soll Katharina Werning später Reitstiefel anziehen. Ihre künstlichen Fingernägel hat die Maskenbildnerin da längst dezent übermalt.

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