Sport : Zwischen Übersicht und Eigensinn

Die deutschen Spieler in der Einzelkritik

Stefan Hermanns

Jens Lehmann: Steht im deutschen Tor, weil er ein mitspielender Torhüter ist. Gegen Italien konnte er dies zum ersten Mal so richtig zeigen. Sehr umsichtig und aufmerksam, wenn die Italiener mit langen Pässen die deutsche Abwehr überspielten, dazu majestätisch bei hohen Bällen und reaktionsschnell. Bei den Toren ohne Chance.

Arne Friedrich: Bei Friedrich bestand zum Teil wieder erhöhte Verletzungsgefahr: für den Ball und seinen eigenen Körper. Wurde später sicherer und beteiligte sich auch am Spiel nach vorne.

Per Mertesacker: Nicht ganz so auffällig wie gegen Argentinien, trotzdem sicher im Zweikampf und mit einer bemerkenswerten Übersicht, auch dann noch, als die Italiener immer neue Stürmer einwechselten – und man eigentlich die Übersicht verlieren musste.

Christoph Metzelder: Der Dortmunder überzeugte als perfektes Mertesacker- Double: Er stand immer richtig, gewann die entscheidenden Kopfballduelle und die wichtigen Zweikämpfe. Gleich zu Beginn der Verlängerung hatte er allerdings das Nachsehen gegen Gilardino, der anschließend den Pfosten traf.

Philipp Lahm: Er hatte sich den Ruf erworben, quasi unfehlbar zu sein. Gegen starke Gegner ist aber auch Lahm manchmal nur ein sterblicher Fußballer mit guten Szenen (als er vier Italiener umkurvte) und schwachen Aktionen (als er beim Versuch, dieses Kunststück zu wiederholen, gleich am zweiten Gegenspieler hängen blieb). Näherte sich im Lauf des Spiels seinem hohen Standard.

Bernd Schneider: Schlitterte anfangs, sprichwörtlich und buchstäblich, über den Rasen. War engagiert, traf aber manch falsche Entscheidung, defensiv und offensiv. Übersah aus Eigensinn den mitgelaufenen Friedrich, in der 34. Minute vergab er die Chance zur Führung.

Michael Ballack: Der Kapitän leistete wieder enormen Defensiveinsatz: Er bekämpfte Totti, er bekämpfte Pirlo – und jeden anderen, bei dem es notwendig war. Sein Beitrag zum Aufbau des Spiels musste darunter fast zwangsläufig leiden. Das Bemühen um Sinn und Struktur war ihm jedoch jederzeit anzumerken.

Sebastian Kehl: Dass die Zuschauer in der ersten Halbzeit den gesperrten Torsten Frings feierten, sollte dessen Ersatz Sebastian Kehl nicht als Misstrauensvotum werten. Der Dortmunder durfte zum ersten Mal von Anfang an spielen und trat entsprechend engagiert auf, anfangs auch etwas zu offensiv. Kehl spielte nicht nur zwei wunderbare Vertikalpässe reinster klinsmannscher Lehre, er war auch häufiger kurz vor dem und im italienischen Strafraum zu finden als Michael Ballack.

Tim Borowski: Er durfte wieder einmal von Anfang an spielen und war zunächst der auffälligste Deutsche; der coolste ist er sowieso. Wenn Borowski den Ball hat, darf der sich geborgen fühlen. Bei der besten Konterchance allerdings passte er genau in die Füße eines Italieners.

Miroslav Klose: Klose ist ein starker Kopfballspieler. Trotzdem sollte man ihn nicht schon im Mittelfeld hoch anspielen. Gegen Italien bekam Klose die Bälle meist in den Fuß gespielt, schon konnte er sich besser in Szene setzen. Nach einer Viertelstunde war er am schönsten deutschen Angriff beteiligt, als er ein Zuspiel aus der Luft in den Lauf von Podolski weiterleitete, der aber zu spät kam. Kurz nach der Pause setzte er sich gegen zwei Italiener im Strafraum durch, scheiterte aber an Torhüter Buffon.

Lukas Podolski: Der Noch-Kölner setzte das erste Zeichen des Spiels, als er Gattuso den Ball vom Fuß mopste. Podolski wirkte anfangs wie aufgedreht. In der 63. Minute hatte er seine beste Chance, traf aus der Drehung aber nur Buffon, auch in der 105. und 112. scheiterte er.

Bastian Schweinsteiger: Der Münchner kam für Borowski, verlor gleich bei seinem ersten Dribbling den Ball. Das kennt man schon aus den letzten Spielen, genauso wie seine schwachen Standards.

David Odonkor: Bringt das Publikum schon durch seine Einwechslung zum Rasen. Kam in der 83. Minute für Schneider und bereitete die beste Chance der Deutschen in der Verlängerung vor. Nach seiner Flanke köpfte Podolski den Ball völlig freistehend am Tor vorbei.

Oliver Neuville: Kam zehn Minuten vor Schluss für Klose – als Elfmeterschütze.

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