Sport : Zwischen Weltklasse und Wahnsinn

In Bremen freut sich nicht jeder über das eigenwillige Talent Marko Arnautovic

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Strafe muss sein. Trainer Thomas Schaaf (rechts) musste im Bremer Trainingslager erstmals härter gegen Werder-Neuling Marko Arnautovic vorgehen. Foto: Nordphoto
Strafe muss sein. Trainer Thomas Schaaf (rechts) musste im Bremer Trainingslager erstmals härter gegen Werder-Neuling Marko...Foto: nordphoto

Seit dem Trainingsbeginn am 5. Juli tragen die Profis von Werder Bremen unter Leibchen, Shirts oder Trikots stets einen Pulsmesser-Gurt, der sich um Brust und Schultern spannt. Auf dem Rücken ist zusätzlich ein GPS-Sensor angebracht, so dass neben Pulsfrequenz auch Laufwege und Geschwindigkeiten im Detail erfasst werden. Auch Marko Arnautovic, der 6,5 Millionen Euro teure Stareinkauf von Twente Enschede, legt stets diese Gerätschaften an – manchmal erweckt der 21-Jährige dabei aber den Eindruck, als zwängten ihn die Utensilien ganz besonders ein, so oft nestelt er daran herum.

Aber ist das ein Wunder? Arnautovc ist ein breitschultriger Kraftprotz, der vor Selbstvertrauen fast zu platzen scheint. Es gibt wohl kaum einen Spieler der bald beginnenden Bundesliga-Saison, der so ein extravagantes Erscheinungsbild bietet. Im Grunde genügte der Handvoll mitgereister Werder-Fans im Trainingslager in Bad Waltersdorf eine einzige Trainingseinheit, um zu erspähen, dass dieser 1,92-Meter-Mann mit seinem Auftreten, aber auch seinem Gehabe polarisieren muss. Und provozieren wird. Die graue Trainingshose krempelt er meist fast bis zum Po hoch, sodass neben den tätowierten Waden auch Oberschenkel zum Vorschein kommen, die praller als die von Gerd Müller wirken.

Das erklärt, warum der Angreifer, den Österreichs U-21-Teamchef Andreas Herzog als den mit Abstand besten Fußballer bezeichnet, „der in den letzten 30 Jahren in Österreich auf einem Fußballplatz herumgelaufen ist“, beim Freistoßtraining mit Brachialgewalt fast beliebig in die Winkel trifft. Doch Arnautovic hat nicht nur einen knallharten Schuss, sondern kann fast so filigran wie Mesut Özil mit dem neuen Einheitsball umgehen. In den Testspielen deutete er an, warum er zuletzt von Inter Mailand ausgeliehen worden war: Mit spielerischer Leichtigkeit verarbeitet der Österreicher alle Vorlagen und Zuspiele – sein Spielverständnis und Spieltempo sind herausragend, sein Antritt atemberaubend.

Von den Anlagen her ist Arnautovic wohl nahe an der Weltklasse. Warum aber hat so einer zuletzt beim Champions-League-Sieger nur 70 Minuten Einsatzzeit gehabt? Zum einen war der Wunderknabe nach einer Stressfraktur am Fuß lange verletzt, zum anderen hat ihn Jose Mourinho auch ganz bewusst links liegen gelassen – und dass nicht nur, weil er sich von seinem Kollegen Samuel Eto’o mal den Bentley lieh, der dann prompt gestohlen wurde. „Marko ist ein fantastischer Junge“, urteilte der portugiesische Trainer, „aber er hat die Denkweise eines Kindes.“ Der fünffache österreichische Nationalspieler, der wegen seines serbischen Vaters mittlerweile bereut, sich nicht für Serbien entschieden zu haben, gilt als außerordentlich schwieriger Charakter. Niemand winkt derzeit bei Werder im Training so oft ab oder dreht sich weg wie er; niemand wird so oft von Thomas Schaaf ermahnt. Am Donnerstag platzte dem 49-Jährigen in der Steiermark der Kragen: Eine Frustaktion – Arnautovic schoss den Ball gegen die Werbebande – bestrafte der Cheftrainer mit zehn Liegestützen, als der Gescholtene diese allzu sorglos ausführte, musste er Strafrunden laufen.

Damit war passiert, was bei diesem Grenzgänger passieren musste: der erste öffentliche Eklat. Dass die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn eine Gefahr für die Bremer Gemeinschaft darstellt, ist auch schon Torsten Frings aufgefallen: Arnautovic habe enormes Potential, aber auch „eine eigenwillige Art, die wird speziell in Bremen nicht so gut ankommen“. Der Rat des Kapitäns: „Er braucht Aufmerksamkeit. Er muss aber schnell so ein Zwischending finden, dass er nicht so arrogant wirkt.“

Schafft das hoch veranlagte Sorgenkind nun den Wandel? Der oft mit Problemfällen betraute Schaaf gibt Optimismus vor: „Marko muss man kennenlernen und die Bremer werden ihn kennenlernen. Wir werden das hinkriegen, dass alle Bremer ihn lieben.“ Die Zeit drängt: Nach dem enttäuschenden letzten Testspiel beim FC Fulham, das 1:5 (1:0) verloren ging (das Bremer Tor erzielte Claudio Pizarro), warten nur noch Pflichtspiele: Auf die Pokalpartie bei RW Ahlen folgt gleich die Champions-League-Qualifikation gegen Sampdoria Genua – angesichts seiner noch nicht in Form befindlichen WM-Spieler benötigt Werder einen Einzelkönner, der den Unterschied ausmachen kann.

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