Sport : Zwischentöne bei Vogelgezwitscher

Die deutschen Leichtathleten suchen vor der WM in Kienbaum den Teamgeist – nicht allen gefällt das

Frank Bachner

Kienbaum. Mike Fenner trägt eine dieser ganz coolen Sonnenbrillen, und die Schnürsenkel seiner roten Turnschuhe sind offen. Er sitzt lässig auf einer Eisenstange neben der Tartanbahn des Leistungszentrums Kienbaum und beobachtet Lars Börgeling. Stabhochspringer Börgeling hat seine Haare zu einem Dutzend wilder Zöpfchen gegelt und macht Aufwärmübungen. „Was ist mit dir?“, sagt Börgeling zu Fenner, aber mit dem Hürdensprinter Fenner ist gar nichts. Außer, dass er nicht trainieren kann. Leistenprobleme, nichts zu machen. Er wollte gestern morgen noch einen letzten Test machen, aber er hat’s dann doch gelassen. Es geht einfach nicht. Die Leichtathletik-WM in Paris findet ohne ihn statt. „Ich hätte keine Chancen auf einen Final-Einzug“, sagt er.

Also schaut er jetzt erst mal den anderen zu. Gibt je genügend zu sehen. Die gesunden Mitglieder der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft trainieren seit gestern in Kienbaum. Ihre letzte Station vor der WM, die am Sonnabend beginnt. Ohne Fenner sind es noch 63 Athleten. Vor Fenner haben ja schon Stars wie die Olympiasieger Heike Drechsler (Weitsprung) und Nils Schumann (800 m) verletzt abgesagt.

Bernd Schubert, der Cheftrainer der deutschen Leichtathleten, redet in einem Seminarraum trotzdem von Platz drei der Nationenwertung und fünf bis acht Medaillen. Und davon, dass er keine Schwarzmalerei betreiben wolle, obwohl es nicht wirklich viele deutsche Medaillenhoffnungen gebe. Aber bei den Jugend- und Junioren-Europameisterschaften 2003 „haben wir 48 Medaillen gewonnen“. Das ist doch was.

Aber die deutschen Medaillenkandidaten von Paris heißen Boris Henry und Karsten Kobs und Steffi Nerius und sind alle 30 Jahre alt oder älter. Und zumindest Henry, der Speerwerfer, hat seine Probleme mit Kienbaum. Besser gesagt, mit dem so genannten Geist von Kienbaum. Denn hier, zwischen Bäumen, Sportplätzen und einem idyllischen See und bei viel Vogelgezwitscher, soll Teamgeist entstehen. Die deutsche Nationalmannschaft soll sich als Einheit finden.

Aber Henry findet Kienbaum vor allem überflüssig, für sich jedenfalls. „Man kann Teamgeist nicht verordnen“, sagt er. „Ich bin jetzt 30 Jahre alt, ich kann selber entscheiden, wo ich mich am besten auf eine WM vorbereite.“ In Saarbrücken zum Beispiel. Dort wohnt er. „Aber jetzt muss ich über Kienbaum nach Paris reisen.“ Auch Karsten Kobs, der Hammerwurf-Weltmeister von 1999, ist nicht sonderlich begeistert, ebenso wenig wie 400-m-Star Grit Breuer. 5000-m-Olympiasieger Dieter Baumann spricht sogar von „Geldverschwendung“.

Lars Riedel aber spricht von „Idylle“ und „Erholung“ und davon, „dass einem hier doch alle Wünsche von den Augen abgelesen werden“. Ihm, dem fünfmaligen Diskus-Weltmeister, gefällt es in Kienbaum. Hier fragen ihn junge Athleten um Rat, hier lernt er Teamkollegen zumindest so weit kennen, „dass ich später weiß, welche Disziplin die betreiben“. Und wenn er „ein bisschen Hektik will, kann ich nach Berlin fahren“. Viel wahrscheinlicher aber ist es, dass er sich abends auf den Bootssteg setzt, seine Angel auswirft und dabei die Ruhe genießt. Er kann das jetzt beser als früher, einfach nur genießen. Er ist nicht der Topfavorit bei der WM. Er ist froh, wenn er Bronze gewinnt. Der Rücken bereitete Probleme, er kam 2003 nicht auf die üblichen 5000 Würfe pro Saison, und er denkt auch „überhaupt nicht an den sechsten WM-Titel“.

Bernd Schubert kann im Übrigen mit diesem Gejammer über den Zwangsaufenthalt in Kienbaum nicht viel anfangen. Im Dezember 2002 hatte er diverse Nationalmannschafts-Sportler über den Plan informiert, dass sich vor der WM das ganze WM-Team in Kienbaum treffen solle. Im April erfuhren es dann alle Nationalmannschafts-Mitglieder schriftlich. „Und wissen Sie, wie viele sich damals beschwert haben?“, fragt er einigermaßen empört. „Keiner.“ Soll er da die Kritik wirklich ernst nehmen?

Riedel nimmt sie wahrscheinlich nicht ernst. Er genießt ganz einfach. Und heute Abend geht er ganz sicher an den Steg. Da werden nämlich die Neulinge der Nationalmannschaft getauft.

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