Sport : Zypern feiert und ehrt seinen Helden

Torsten Haselbauer

Athen - So etwas haben selbst die Popen auf Zypern noch nicht erlebt. Am Sonntagmorgen blieben die orthodoxen Kirchen so gut wie leer. Die Gläubigen saßen zu Hause vor den Fernsehschirmen oder im Freien vor riesigen Leinwänden. Dort verfolgten sie das Finale der Australian Open in Melbourne, in dem sensationell der vor zwanzig Jahren in der zypriotischen Stadt Limassol geborene Marcos Baghdatis stand. Der verlor zwar nach Sätzen 1:3 gegen den klaren Favoriten Roger Federer aus der Schweiz, doch das spielte für die griechischen Zyprer keine große Rolle. Baghdatis ist für sie ein Held.

Auf fast jedem Dorf- und Kirchplatz der Mittelmeerinsel ist vor einer Woche ein bis dahin ungekanntes Tennisfieber ausgebrochen, wie die griechische Tageszeitung „Kathimerini“ schrieb. Die Insel befinde sich im kollektiven Partyrausch: Autokorsos, wilde Hupkonzerte, grelle Feuerwerke begleiteten die Spiele in Melbourne. Die mediterrane Feierkultur beherrschen auch die Zyprioten. Baghdatis, Sohn eines libanesischen Vaters und einer Zypriotin, ahnte, welcher Ausnahmezustand da rund um sein Elternhaus im zumindest griechischen Teil der seit 1974 getrennten Mittelmeerinsel herrscht. „Die sind jetzt sicher alle verrückt geworden“, sagte der Junioren- Weltmeister von 2003 schon nach seinem Achtelfinalsieg.

Die Zyprioten haben endlich ihren lang ersehnten Sportstar. Bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 gingen die zypriotischen Sportler ohne Medaillen aus, und in den Fußballspielen der WM-Qualifikation reichte es gerade einmal zu drei Punkten in zwei Spielen gegen die Faröer. Baghdatis schaffte den Aufstieg zum Helden in einer Sportart, die in seiner Heimat fast einen Exotenrang innehat. Nur knapp 6000 Leute sind auf der Mittelmeerinsel als Tennisspieler registriert. Sie müssen sich 54 Plätze teilen. „Wir verstehen zwar die Regeln nicht, sind aber sehr stolz auf Marcos“, schrie ein Zypriote nach dem Halbfinalsieg in die Mikrofone.

Für seine Erfolge erhielt Marcos Baghdatis nun ein geradezu historisches Dankeschön. Wie Zyperns Präsident Tassos Papadopoulos dem staatlichen Fernsehsender RIK mitteilte, wird der Tennisprofi vom Wehrdienst befreit. So etwas hat noch kein anderer Zypriote erleben dürfen.

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