Sprachkongress : Tod und Totem

Die "Macht der Sprache“ ist Thema eines Festivals, das in der Akademie der Künste stattfindet und das öffentliche Vorträge, Installationen und einen wissenschaftlichen Kongress verbindet.

Kaspar Renner

Man muss sich nur einmal die verbalen Manöver auf der Zunge zergehen lassen, die wir vollführen, um das Wort „sterben“ zu vermeiden. Entweder flüchten wir in übersteigertes Pathos oder in komische Brechungen: „Sich die Radieschen von unten ansehen“ findet sich da in deutschen Wörterbüchern, „sich Harfe und Flügel zulegen“ oder „in den Holzpyjama schlüpfen“. Offenbar glaubt der vermeintlich aufgeklärte Mensch immer noch an eine totemistische Macht der Sprache, während er vorgibt, sich ihrer wie eines Instruments bemächtigt zu haben. Genau diese doppelte Bedeutung der „Macht der Sprache“ ist nun Thema eines Festivals, das in der Akademie der Künste am Pariser Platz stattfindet und das öffentliche Vorträge, Installationen und einen wissenschaftlichen Kongress miteinander verbindet.

Dass die „Macht der Sprache“ (www.die-macht-der-sprache.de) stets politische Implikationen hat, führte Andrei Plesu in seinem grandiosen Eröffungsvortrag vor. Die Gewalt der Ceausescu-Diktatur, gegen die der ehemalige rumänische Kultur- und Außenminister selbst jahrzehntelang gekämpft hatte, beschrieb er als eine Vergewaltigung von Sprache: Die totalitäre wie die irre Rede sei gekennzeichnet durch einen Überschuss an Wörtern bei einem gleichzeitigen Mangel an Worten: So stieß die sowjetische Presse die immer gleichen 1500 von 220 000 verfügbaren Vokabeln aus. Heutzutage drohe die „linguistische Gefahr“ aber vor allem durch die Phrasendrescherei des EU-Diskurses, etwa die „Erweiterung ohne Vertiefung“ – eine Invektive, die von den anwesenden Politikern auffällig schweigend zur Kenntnis genommen wurde.

Nicht zu überhören war indes Plesus utopischer Unterton. Wie die Sprachverwirrung des Turmbaus zu Babel erst im Pfingstwunder überwunden worden sei, so müsse die Politik eine radikale Vielsprachigkeit fördern. Plesus Vision einer pluralen Sprachenwelt, die von zeitwortlosen Hopi-Indianern und schneevokabelreichen Eskimos bevölkert wird, entging dabei nicht immer dem Klischee. Jenseits dieses Wertrelativismus aber, und dies war wohl die entscheidende Volte, forderte Plesu ein neues Bewusstsein der deutschen Sprache, eine Forderung, die umso überzeugender wirkte, als Plesu selbst sich erst 25-jährig mit der deutschen Sprache die philosophische Sprache erschloss, die Sprache Heideggers nämlich, in der allein sich denken lässt, dass der Mensch, wenn er spricht, eigentlich „der Sprache entspricht“. Welches Bewusstsein sich nun durchsetzt, eher dasjenige zur Förderung der deutschen Sprache im Ausland oder die „Initiative deutsche Sprache“ im Inland, die kulturpessimistische Töne anschlägt („ich buk“ statt „ich backte“), zeigt sich noch bis heute Abend.