Der Tagesspiegel : Spreewaldgurken für Dubai: Das geht in die Dose

Claus-Dieter Steyer

In der Arabischen Wüste sollen noch in diesem Jahr Spreewaldgurken zum Picknick verspeist werden. Bei einem Test hatten betuchte Einwohner von Dubai die knackigen krummen Früchte als ideale Frischespender bei Ausflügen unter der heißen Sonne entdeckt. Der Wunsch aus Kuwait, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten nach jährlich 10 000 Tonnen des Gemüses elektrisierte Südbrandenburgs Produzenten. Bei den Verhandlungen geht es nicht allein um den Export von Gurken in der Dose, sondern auch um die Lieferung des Gemüses in herkömmlichen Verpackungen.

Der Spreewaldverein Lübben werde in den nächsten Tagen Konservenhersteller und Gurkenanbauer an einen Tisch bringen, um Chancen zur Erhöhung der Anbauflächen und der Anbahnung der Vertragsabschlüsse auszuloten, sagte Geschäftsführer Dieter Irlbacher. "Wir könnten die Nachfrage von einigen zusätzlichen tausend Tonnen der Spezialität ohne Probleme bewältigen", versichert Irlbacher. "So ein Geschäft wäre ein Segen für die ganze Region." Bisher sollten 550 Hektar mit Gurken bestellt werden, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Damit könnten 35 000 Tonnen der schmackhaften krummen Früchte geerntet werden. Raum zur Ausweitung des Anbaus gebe es, konstatierte Irlbacher. Darüber müsse bald entschieden werden. Angesichts freier Kapazitäten würde die Verarbeitung kein Probleme bilden. Zugpferd des Exportes könnte der größte ostdeutsche Gurkenverarbeiter, der Spreewaldhof Golßen werden. "Unsere Gurke in der Dose wäre die ideale Erfrischung", sagt Karin Seidel, die Marketingchefin des Spreewaldhofes. "Einige Scheichs sind schon ganz heiß drauf", sagt sie. Die Proben auf einer Präsentation von Brandenburger Produkten in Dubai seien im Handumdrehen abgesetzt worden. "Das wäre ein Riesengeschäft". Der Chef des Golßener Spreewaldhofes, Konrad Linkenheil, hat eine einfache Erklärung für den Erfolg der Präsentation in den Kreisen der Scheichs: "Die kannten dort nur Gurken in einer Öl-Essig-Lauge. Da schmecken die ziemlich sauer." Die Spreewald-Gurke dagegen sei würzig-knackig und wegen der besonderen Wachstumsverhältnisse in dem sandigen Boden einmalig.

Acht Jahre nach dem Fast-Aussterben würde der Arabienexport den Siegeszug der Spreewaldgurke krönen. 1993, am Tiefpunkt, wurden nur noch auf 50 Hektar Gurken angebaut, seit 1996 steigen die Zahlen ständig, damals wurden wieder 200 Hektar bestellt. Zwei Jahre später waren es 320 Hektar, mehr als 20 000 Tonnen wurden produziert. Die Spreewaldgurke ist seitdem wieder deutschlandweit in aller Munde, 31 000 Tonnen wurden im Vorjahr geerntet. In sechs Jahren stiegen die Erträge auf das Fünfzehnfache. 4000 Arbeitsplätze hängen inzwischen vom Gurkenverkauf ab, vor sieben Jahren waren es nur 720.

Das Erfolgsgeheimnis liegt im kräftig-würzig-frischen Geschmack, der auf gut gehüteten Geheimrezepten der einzelnen Produzenten und auf strenger Qualitätskontrolle beruht. Schrittweise wurde durchgesetzt, dass wirklich Gurken aus der Region in den Konserven mit "Spreewaldgurken" und "Gurken Spreewälder Art" waren. Nach dem Hamburger Richter in einem Urteil mit einer eigenwilligen Definition des Anbaugebietes Spreewald diese Bemühungen zu durchkreuzen drohten, kam Hilfe aus Brüssel. Spreewälder Gurken wurden von der EU als geografischer Herkunftsbegriff geschützt, sehr zum Unwillen von Herstellern aus allen deutschen Landen, die sogar polnische Früchte unter dem wieder imageträchtigen Namen verkaufen wollten.

Der Schutz der verkaufsfördernden Bezeichnung war mit strengen Auflagen verbunden. Anbau und Verarbeitung müssen im Wirtschaftsraum Spreewald erfolgen. Zutaten sind frische Zwiebeln, Dill, Kräuter und Meerrettich. Parallel zum Anbau der Früchte nimmt damit auch die Produktion der Gewürzkräuter in der Region zu. Seit dem Vorjahr auf dem Markt fanden Dosen mit Einzelgurken in Arabien besonderen Anklang. In Deutschland ist "Get one" ein Renner vor allem bei den Jugendlichen. Derzeit sind alle Bestände verkauft. Doch nicht jede Gurke passt in die Dose. Zwölf Zentimeter Länge, 3,5 Zentimeter Durchmesser und mindestens 100 Gramm Gewicht müssen die Exemplare aufweisen.

Den Aufschwung der Gurke zum Wirtschaftsfaktor begleitete die touristische Vermarktung. Seit 1999 gibt es alljährlich eine Gurkenkönigin und einen Gurkentag. Über 250 Kilometer führt ein Gurkenradwanderweg durch die Region zu Anbaugebieten und Verarbeitern, die bei Zwischenstopps besucht werden können. An anderen Stationen wird die Zubereitung von Gurkengerichten vorgestellt.

Im Vorjahr konnten Touristen auch erstmals den "Gurkenflieger" besteigen, die traditionelle Erntemaschine. Auf dem Bauch liegend, müssen die Helfer die unter ihnen auftauchenden Gurken pflücken. Eine "Mordsgaudi", meinten Mitglieder einer bayerischen Reisegruppe zu der neuen Erfahrung. Angebote rund um die krumme Frucht sind zu einem wichtigen Werbe- und Umsatzfaktor für den südbrandenburgischen Fremdenverkehr und den Spreewald geworden.

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