Der Tagesspiegel : "Spreewaldguste" wird komplett neu erfunden

CLAUS-DIETER STEYER

Eine alte Bahnlinie soll wieder eingerichtet werdenVON CLAUS-DIETER STEYER BURG.Das waren noch Eisenbahnzeiten: Die Reisezugwagen reichten nicht aus, so daß die Bahn offene und gedeckte Güterwagen für den Personenverkehr einsetzte.In den Ecken lagen noch Reste von Kohlen und Kies, aber in der 4.Klasse stellte niemand große Ansprüche.Und dennoch waren alle Wagen überfüllt.Vor allem zu Markttagen stürmten die Fahrgäste die Züge.Erst der Einsatz breiterer Personenwagen brachte Entlastung. 70 Jahre sind solche Augenzeugenberichte alt.Sie stammen aus der Chronik der 1898 eröffneten und 1970 eingestellten Spreewaldbahn zwischen Cottbus und Burg.Neben Anwohnern gehörten damals viele Ausflügler aus Berlin zu den Fahrgästen.Sie lobten die günstigen Verbindungen und die romantische Fahrt in die reizvolle Landschaft der Kanäle und Fließe. An die alten Zeiten wollen seit Jahren Eisenbahnenthusiasten der Lausitz anknüpfen und die liebevoll "Spreewaldguste" oder "Bimmelguste" genannte Bahn wieder aufbauen.Beschränkte sich die Idee in den ersten Jahren nach der Wende nur auf kleine Liebhaberkreise, hat seit einiger Zeit ein professioneller Förderverein mit ABM-Stellen das Ganze in die Hand genommen."Der Wiederaufbau der Spreewaldbahn ist längst kein Hirngespinst mehr", sagt der Vorsitzende des Fördervereins, der Cottbuser FDP-Bundestagsabgeordnete Jürgen Türk."Wenn alle Planungen, Genehmigungen und Finanzkonzepte vorliegen, könnten wir im Jahr 2000 oder 2001 mit den Bauarbeiten beginnen." Zunächst sei der knapp 18 Kilometer lange Abschnitt zwischen Cottbus und Burg vorgesehen.Eine Weiterführung in Richtung Straupitz werde jedoch nicht ausgeschlossen. Die lange Planungszeit erklärt sich mit der aufwendigen Streckensuche.Denn nach der Stillegung war die alte Linienführung in den meisten Orten mit Wegen und Häusern überbaut worden.Deshalb muß das komplette bürokratische Prozedere mit Umweltverträglichkeitsprüfung, Raumordnungsverfahren und Planfeststellung ablaufen.Gleichzeitig läuft die Suche nach dem Geld.44 Millionen Mark müssen beschafft werden.Mit 70 Prozent soll der überwiegende Teil aus Fördermitteln der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Infrastruktur kommen."Der Antrag an die Landesinvestitionsbank ist schon gestellt", teilt Jürgen Türk mit."In den nächsten Wochen beginnen die konkreten Verhandlungen." Den Rest des Geldes müssen Cottbus, Burg und drei andere Gemeinden aufbringen.Möglicherweise gibt es Unterstützung durch die EU.Denn die künftige Spreewaldguste soll keine klassische Museumsbahn werden.Berufspendler, Schulkinder und Einkäufer werden ebenso zu den Fahrgästen gehören, wie die Ausflügler. Der jetzt noch zwischen Cottbus und Burg verkehrenden Busse würden dann eingestellt."Wir versprechen uns eine entscheidende Entlastung des Verkehrs in unserer Stadt", erklärt der Burger Bürgermeister Martin Schmidt."Immerhin wollen wir anerkannte Bäderstadt werden." Vor allem an sommerlichen Wochenenden ist die Stadt als Ausgangspunkt für Kahnfahrten und Wanderungen durch die Lagunenlandschaft oft hoffnungslos überfüllt. Hoteliers, Tourismusfirmen und Gastwirte hoffen auf eine weitere Attraktion durch die Spreewaldguste.Wie sie allerdings einmal durch die Landschaft fahren soll, steht noch nicht fest.Eventuell werden die Straßenbahngleise im Cottbuser Norden einfach verlängert.Darauf könnten dann Fahrzeuge mit elektrischer Oberleitung, Dieselloks oder Dampfloks verkehren. Schon jetzt fährt die Spreewaldbahn im Modell quer durch den zu einem Gasthof umgebauten Bahnhof in Burg.Am ehemaligen Bahnsteig stehen einige Originalwagen.Hier soll am 6.und 7.Juni das hundertjährige Jubiläum der Spreewaldbahn zünftig gefeiert werden.Dafür wird extra ein Gleis von 300 Meter Länge verlegt, damit die alte Spreewaldlok von 1898 wenigstens ein kleines Stück fahren kann.Sie war nach der Stillegung an den Eisenbahnverein Bruchhausen-Vilsen bei Bremen verkauft worden und kehrt nun zum großen Eisenbahnfest nach Burg zurück.

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