Der Tagesspiegel : Spurensuche: Aus heiterem Himmel

Axel Krämer

Als der Wagen die Autobahn verlässt, wird Rhoda Fyfe aufgeregt. "Kyritz, da steht der Name", ruft sie an der Ausfahrt. Kyritz, das ist der Name, den sie mit dem Tod ihres Mannes verbindet. 32 Jahre alt wurde Zander Paterson. Er arbeitete als Funker für eine britische Fluggesellschaft, am 26. Juni 1954 stürzte er ab, irgendwo in der DDR, irgendwo in der Nähe von Kyritz. Mehr erfuhr seine Frau nie - nicht warum das Flugzeug abstürzte, nicht wo es geschah. Jetzt ist sie zusammen mit ihrem Sohn Stephen auf dem Weg zu jenen, die den Absturz 1954 beobachtet haben. Nach fast 47 Jahren will sie herausfinden, wie ihr Mann gestorben ist.

1954 hat sie sich abwimmeln lassen. "Ihr Mann ist tot, abgestürzt", hieß es, "genaueres können wir Ihnen nicht sagen." Sie saß alleine mit ihrem neugeborenen Sohn in Hamburg. Die Ärzte rieten ihr, nach Schottland zu ihren Eltern zurückzugehen, ein paar Tage später reiste sie ab. Nach anderthalb Jahren, die sie in Deutschland mit ihrem Mann zusammengelebt hatte, war alles vorbei. Sie fragte sich zwar, ob Zander wirklich sofort tot war, ob das Flugzeug vielleicht abgeschossen wurde, so wie ein Jahr zuvor eine britische Militärmaschine, die auch im Luftkorridor von Hamburg nach West-Berlin unterwegs war. Aber niemand wollte etwas sagen. Ein paar Zeitungsartikel und ein Brief der Fluggesellschaft, das war alles, mehr gab es nicht. "Ich habe das akzeptiert", sagt sie, "die Zeiten waren eben so." Und sie war erst 21.

Vierzig Jahre forschte Rhoda Fyfe nicht weiter nach. Andere Dinge gingen vor, sie fing wieder an zu arbeiten, nach ein paar Jahren heiratete sie zum zweiten Mal. Sie und ihr Sohn sagten sich zwar immer wieder, dass sie einmal die Absturzstelle sehen wollen. Aber solange die Mauer stand, sahen sie dafür keine Möglichkeit, und nach 1989 wussten sie nicht, wie sie die Suche beginnen sollten. Letzten Sommer dann traf Rhoda Fyfe, Mitglied der Tories, in Schottland den deutschen Europa-Abgeordneten Hans-Gert Pöttering, der für sie in der Gegend um Kyritz nach Augenzeugen suchen ließ - und er fand welche.

Rhoda Fyve setzt sich auf. Nervös spielt sie mit den Fingern an ihrem Ring herum, wischt mit ihrem Mantelärmel über die beschlagene Scheibe. Sie will erkennen, wie es draußen aussieht, beugt sich vor und zurück, um besser sehen zu können. In jedem Ort fragt sie, ob das jetzt schon Hohenofen ist. In Hohenofen, so viel weiß sie inzwischen, ist das Flugzeug damals abgestürzt. Als das Auto dann durch das Dorf fährt, wird sie ruhig, lehnt sich zurück und hält sich am Türgriff fest.

Fünf Minuten später sitzen Mutter und Sohn im Wohnzimmer von Anita Iwanow. Anita Iwanow war 1954 Bürgermeisterin in Hohenofen, und sie ist genauso alt wie Rhoda Fyfe. Mit ihr und ihrem Mann reden Rhoda und Stephen erst einmal alleine, hier wollen sie niemanden dabeihaben. Am 26. Juni 1954 saß sie morgens um elf Uhr in der Bürgermeisterei, erzählt Anita Iwanow später, und hörte einen lauten Knall. "Als ich herausgerannt kam, war da eine riesige Rauchwolke." Das Flugzeug von Zander Paterson, eine viermotorige Frachtmaschine, war nach ein paar Runden übers Dorf in ein Feld gestürzt. Das wrack brannte noch. Einer der Motoren war schon vor dem Aufprall abgefallen und lag ein Stück entfernt auf dem Acker. Die Dorffeuerwehr kann nur noch verhindern, dass sich das Feuer ausbreitet.

Nach einer halben Stunde sperren Polizei und russisches Militär das Gelände um das brennende Flugzeug ab. Vom britischen Flugplatz Gatow in West-Berlin kommt ein Tieflader, und schon am Abend werden die ersten Flugzeugteile und die Leichen der dreiköpfigen Besatzung nach Berlin gefahren. Ob dort die Absturzursache untersucht wurde, und mit welchem Ergebnis - keiner weiß es. Zusammen mit den Iwanows und Herbert Piechenik, der damals als Polizist das Gelände absperrte, fahren Rhoda und Stephen Fyfe zur Absturzstelle hinaus. Ein Acker mit Wintergetreide, nichts Außergewöhnliches. "Dort drüben, bei den Bäumen, lag das Flugzeug", sagt Anita Iwanow. Herbert Piechenik hat hier bei der Bergung der Opfer mitgeholfen. Er spricht von vier Toten, im Gegensatz zu den alten Zeitungsberichten. "Da hat keiner überlebt, die waren gleich tot", sagt er. Rhoda Fyfe nickt. Sie lächelt höflich und schaut zu den Bäumen hinüber.

Auf dem Weg zurück nach Berlin sitzt sie ganz still und erschöpft auf dem Rücksitz. Sie hält sich wieder am Türgriff fest, redet fast überhaupt nicht und schaut aus dem Fenster. "Wenn man eine Frage beantwortet bekommt, tun sich dahinter zwei neue auf", hat ihr Sohn vorhin gesagt. Sie weiß jetzt, dass ihr Mann nach dem Absturz sofort tot war, dass die Maschine wahrscheinlich einen Motorschaden hatte. Sie weiß, dass er am Vormittag starb. Und sie hat, was ihr so wichtig war, den Ort gesehen, an dem alles passiert ist. Aber was ist vor dem Absturz geschehen, warum fiel der Motor ab?

Die beiden überlegen, ob sie in Berlin im Alliierten-Museum noch nach Funkaufzeichnungen oder Untersuchungsberichten von 1954 fragen sollen. Wahrscheinlich schauen sie sich aber nur die Ausstellung an.

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