SS-Vergangenheit : Ihren Erwin lassen sie sich nicht nehmen

Erwin Strittmatter soll als SS-Mitglied von Massakern und Geiselerschießungen gewusst haben. Auch sein Leben in der ehemaligen DDR ist nicht unumstritten. Doch die zweifelhafte Vergangenheit des Schriftstellers scheint in seiner Heimat kaum jemanden zu beirren.

Sandra Dassler
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Erwin Strittmatter -Foto: picture alliance

Bohsdorf/Spremberg - Der alte Mann sitzt still auf einer Bank vor dem „Laden“ in Bohsdorf, seinen Gehstock zwischen den Knien. „Jetzt haben sie den Erwin auf dem Kieker“, sagt er kopfschüttelnd: „Sogar die Straße in Spremberg wollen sie umbenennen.“

Die Straße, die er meint, ist nicht lang. Nur rund hundert Meter im 15 Kilometer von Bohsdorf entfernten Spremberg tragen den Namen „Erwin-Strittmatter-Promenade“. 1996 war ein Teil der Poststraße nach dem Schriftsteller benannt worden, den in der DDR jedes Schulkind kannte. In Westdeutschland wurde Strittmatter erst durch die Verfilmung seiner Romantrilogie „Der Laden“ im Jahr 1998 populär. Da war er schon vier Jahre tot.

Vor einem guten Monat enthüllte der Literaturwissenschaftler Werner Liersch aus Berlin, dass der 1912 geborene Strittmatter während des Krieges dem „SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18“ angehörte, und warf ihm vor, dies zeitlebens verschwiegen zu haben (wir berichteten). Das Regiment kam als Teil der „Ordnungspolizei“ in Slowenien, Finnland und Griechenland zum Einsatz. Dabei soll es mehrfach zu Massakern und Geiselerschießungen gekommen sein. Liersch zufolge war Strittmatter an diesen Gewalttaten zwar nicht direkt beteiligt, habe aber als Bataillonsschreiber vermutlich davon gewusst.

Seither wird in der Lausitz-Stadt Spremberg diskutiert: Darf nach so einem eine Straße benannt sein? „Solange er keine Kinder und Frauen erschossen hat, na klar!“, sagt eine etwa 60-jährige Passantin: „Den haben sie doch damals genauso wenig gefragt wie unsere Männer in der DDR. Uns Kleine fragt doch auch heute niemand, oder?“ So oder ähnlich reden in diesen Tagen viele Leute in Spremberg. Jedenfalls jene, die man auf der Straße fragt. „Wem sollen diese ständigen Enthüllungen noch was bringen?“, heißt es, und: „Der kann sich ja nicht mehr dagegen wehren.“ Dabei war Strittmatter hier nie unumstritten. Vor der Umbenennung der Straße hatte es in Spremberg viele Diskussionen gegeben. Nicht wegen seiner literarischen Werke wie „Ole Bienkopp“, „Tinko“ oder „Der Wundertäter“, sondern wegen seiner widersprüchlichen Persönlichkeit. Den einen war er in der DDR zu linientreu gewesen, den anderen zu aufmüpfig. Hinzu kamen Gerüchte um eine Stasi-Tätigkeit.

„Jeder Mensch hat seine problematischen Seiten, aber er bleibt doch ein großartiger Schriftsteller“, sagt Christine S., eine Schülerin des Spremberger Erwin- Strittmatter-Gymnasiums. Die Elftklässlerin erzählt, wie Schüler und Lehrer nach Bekanntwerden der SS-Vorwürfe plötzlich von Kamerateams belagert wurden, die nur eines wissen wollten: „Wird die Schule jetzt umbenannt?“

In der Schülerzeitung hat Christine S. ihre Antwort niedergeschrieben. Sie ist gegen die Umbenennung, genau wie drei andere Schüler, die dort zu Wort kommen: Da man davon ausgehen könne, dass Strittmatter nicht an Massakern beteiligt war, komme ihm die Rolle eines stillen Mitwissers zu – wie vielen Deutschen. Natürlich wäre es moralisch besser gewesen, wenn er dies nicht verschwiegen hätte, dennoch seien Diskussionen um Namensänderungen „ historisch haltlos“.

Viele Spremberger Stadtverordnete denken anders. Sie haben heftig und kontrovers diskutiert – am Ende aber entschieden, dass es vorerst keine Umbenennung der Promenade geben wird. „Ich halte die Sache schon für problematisch, würde gern Näheres über Strittmatters Verstrickungen wissen“, sagt Sprembergs Bürgermeister Klaus-Peter Schulze (CDU). Der Landrat des Kreises Spree-Neiße, Dieter Friese (SPD), warnt gar eindringlich davor, einer Diskussion um Strittmatters Vergangenheit aus dem Wege zu gehen: „Wir haben in ganz Deutschland die Nazi-Vergangenheit viel zu schnell abgehakt“, sagt er. „Wir konnten auch die DDR-Vergangenheit nicht schnell genug begraben. Aber wir müssen uns der Geschichte stellen. Und die Schüler des Gymnasiums sollten selbst entscheiden, ob sie den Namen behalten wollen. Schließlich steht der auf ihrem Abschlusszeugnis.“

In Bohsdorf, dem 15 Kilometer von Spremberg entfernten Heimatort Strittmatters, steht Blanka Nakoinz im historischen „Laden“. Den haben Strittmatters Eltern von 1919 bis 1949 geführt, seit 1999 kann man ihn besichtigen. „Die Leute sind immer begeistert, dass es hier genauso aussieht wie im Film“, sagt Blanka Nakoinz. Sie ist 47, arbeitslos und hilft im „Laden“ ab und zu aus. Führt Besucher herum und beantwortet Fragen.

Nach Erwin Strittmatters SS-Vergangenheit erkundige sich kaum jemand, sagt sie. Und wenn, dann empfehle sie, bei Strittmatters Nichte nachzufragen oder beim Vorsitzenden des Erwin-Strittmatter-Vereins. Die Nichte, Ranghild Hannusch, wohnt am Ende des Dorfes. Sie ist 60 und hat eigentlich keine Lust mehr, immer wieder zu erklären, dass sie nichts von der SS-Geschichte wisse. „Bei uns wurde nicht über den Krieg gesprochen: weder Erwin noch sein Bruder, mein Vater Heinrich, haben das je getan“, sagt sie. Auch Fotos oder Dokumente aus dieser Zeit existierten nicht. „Aber der Erwin hat immer gesagt und auch geschrieben, dass er nie auf Menschen geschossen habe.“

Im Nachbarhaus des „Ladens“ hat der Erwin-Strittmatter-Verein seinen Sitz. Der Vorsitzende Manfred Schemel, der auch Stadtverordneter für die Linke in Cottbus ist, hat dem Literaturwissenschaftler Erwin Liersch einen Brief geschrieben. Der Brief hängt hier aus und beginnt mit den Worten: „Ihr Beitrag über Strittmatter … erregt hier die Gemüter. Wir sind uns sicher einig in den Worten von Anne Frank: ,Ich glaube nicht, dass allein die führenden Männer, die Regierenden und Kapitalisten am Krieg schuld sind. Der kleine Mann anscheinend auch, sonst würden die Völker als solche nicht mitmachen.‘“ Schemel hat Liersch nach Bohsdorf eingeladen. Um, so kann man dem Brief entnehmen, mit ihm unter anderem darüber zu diskutieren, ob „Arroganz der Nachgeborenen nicht auch eine schlimme Folge des Krieges“ ist.

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