SSC Neapel : Maradonas Erbe

Die Fans sind aus dem Häuschen, der Klubchef schwärmt von einem "fortwährenden Traum" - der SSC Neapel ist wieder erstklassig.

Vincenzo Delle Donne[Mailand]
Neapel
Ausgelassen: Die Fans feiern den Aufstieg des SSC Neapel.Foto: AFP

Neapels Via Caracciolo, die architektonisch prachtvolle Küstenstraße am Castel dell’Ovo, war in ein einziges azurblaues Fahnenmeer getaucht. Wie vor 20 Jahren, als der SCC Neapel mit Diego Armando Maradona den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte gewann und die Stadt in den Ausnahmezustand versetzte. Nach sechs Jahren hat der Klub den Aufstieg geschafft, nachdem er sich zwischenzeitlich schon in der Drittklassigkeit hatte abstrampeln müssen. Mit einem 0:0 beim Konkurrenten FC Genua sicherte sich der SSC Neapel in der Zweiten Liga den zweiten Tabellenplatz hinter Juventus Turin und steigt, zusammen mit Genua, in die Serie A auf.

„Napoli ist bescheiden, Napoli siegt und ist ein fortwährender Traum“, kommentierte überraschend verhalten Klubpräsident Aurelio de Laurentis den Wiederaufstieg. Im Hauptberuf ist de Laurentis Filmproduzent. Es sei, als habe man ihm ein Jahr geschenkt, sagte der 58-Jährige dennoch voller Dankbarkeit. Denn der Aufstieg schien in dieser Saison mit Rivalen wie Juventus Turin höchst schwierig. „Wir haben keine Brot-und- Spiele-Philosophie gehabt, sondern Planung“, sagt de Laurentis.

Der Klubpräsident dämpft nun den Optimismus der Tifosi. Derzeit träumt er zwar davon, Weltmeister Fabio Cannavaro zu holen. Doch die finanziellen Mittel sind begrenzt und dürften kaum ausreichen, um den neapolitanischen Abwehrstrategen von Real Madrid abzuwerben. Ein bisschen ist der SSC Neapel wie die Neapolitaner: stets am Rande des Abgrunds, dem man aber immer wieder entkommt. De Laurentis kaufte 2002 den maroden Fußballklub seiner Heimatstadt auf. Der Zeitpunkt war günstig. Sportlich und wirtschaftlich war der SSC Neapel gerade abgewickelt worden. Nach 78 Jahren Vereinsgeschichte reichte das verbliebene Geld nicht einmal mehr für eine Lizenz in der Zweiten Liga. Die Reste der Konkursmasse sicherte sich de Laurentiis für 29 Millionen Euro und musste in der dritten Profiliga anfangen.

Eigentlich war der SSC Neapel schon zu Beginn der Achtzigerjahre pleite. Doch da hatte der damalige Präsident Corrado Ferlaino eine verrückte Idee: Der umtriebige Baulöwe buhlte um die Dienste des argentinischen Superstars Maradona, der beim FC Barcelona spielte. Ferlaino machte dem Argentinier eine märchenhafte Wechselofferte. Kleiner Schönheitsfehler: Ferlaino verfügte weder über das entsprechende Geld, noch konnte er eine Spitzenmannschaft vorweisen. Den 21 Millionen teuren Transfer finanzierte Ferlaino auf Pump. Er erbettelte das Geld bei diversen Banken. Maradona entpuppte sich als Dukatenesel, der Millionen in die marode Vereinskasse brachte. Der Konkurs war dank Maradona vorerst abgewendet. Zwischen 1987 und 1992 gab es viele sportliche Erfolge zu bejubeln. Es war die Glanzzeit des SSC Neapel und die Maradonas. 1989 gewann Neapel den Uefa-Cup.

Neapels langsamer Abstieg begann, als im März 1991 Maradonas Kokainsucht aufflog. Der Superstar wurde gesperrt und kehrte später Neapel den Rücken. Die alten Finanzsorgen kehrten zurück. 2002 sah Ferlaino keinen anderen Ausweg, als den bankrotten Klub zu veräußern. Ein wüstes Gezeter um die Überreste des SSC Neapel begann. Nicht nur örtliche Politgrößen redeten ein Wörtchen mit, sondern auch die Camorra.

Die Philosophie des jetzigen Präsidenten ist eine andere. „Wir wollen keine Diven verpflichten, sondern eine Mannschaft, die wie ein Orchester funktioniert“, sagt de Laurentis. Apropos Diva: Die Tifosi verlangen jetzt, dass Sophia Loren ihr Versprechen einlöst. Die neapolitanische Schauspiellegende versprach, in aller Öffentlichkeit zu strippen – für den Fall des Wiederaufstiegs.