Der Tagesspiegel : Staatsanwältin angeklagt: Bankräuber küsst man nicht

Sandra Dassler

Wegen angeblicher Hilfe für einen Verbrecher hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) jetzt eine Kollegin angeklagt. Die 51-jährige Potsdamer Staatsanwältin Ulrike K. soll drei Fotos einer Banküberwachungs-Kamera aus der Akte von Wilhelm F. Terhar entfernt haben. Terhar wurde als Bankräuber zu 13 Jahren Haft verurteilt, das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Außerdem soll die Staatsanwältin versucht haben, Terhar mit einer Falschaussage vor Gericht zu entlasten.

Der Fall sorgte schon einmal für Aufsehen. Vor einem halben Jahr berichteten die Medien von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Ulrike K., die "aus Liebe einem Bankräuber zur Flucht verhalf". Der Berliner Rechtsanwalt Michael Nitschke ärgert sich heute noch über diese Schlagzeile, verzichtete damals aber auf eine Gegendarstellung, weil es seiner Mandantin "nur noch mehr geschadet hätte".

Von "Fluchthilfe" ist in der am Mittwoch beim Landgericht Potsdam eingegangenen Anklageschrift nicht die Rede, wohl aber von uneidlicher Falschaussage und versuchter Strafvereitelung im Amt. Die Ermittler gehen offensichtlich davon aus, dass sich die aus Nordrhein-Westfalen stammende Ulrike K. in den 54-jährigen Terhar verliebt hatte. Der Mann verbrachte Zeitungsberichten zufolge mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis, was ihn nicht davon abgehalten haben soll, reihenweise Frauenherzen zu brechen. Auch die alleinstehende Staatsanwältin, die Terhar wegen mehrerer Banküberfälle anklagen sollte, scheint der Mann mit seinem Charme eingewickelt zu haben. Jedenfalls kam es innerhalb der vorgeschriebenen Frist nicht zur Anklage-Erhebung - Terhar musste demzufolge aus der Untersuchungshaft entlassen werden.

Als er später wegen der gleichen Delikte von einem anderen Staatsanwalt angeklagt wurde, war er nicht auffindbar. Das Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit nicht nur zu 13 Jahren Gefängnis, sondern auch zu Sicherungsverwahrung. Inzwischen wurde Terhar gefasst und sitzt in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg (Havel).

Ulrike K. war, nachdem die Vorwürfe gegen sie laut geworden waren, zunächst an die Staatsanwaltschaft Neuruppin und später nach Cottbus strafversetzt worden. Im Februar dieses Jahres wurde auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft ein Disziplinarverfahren gegen Ulrike K. eingeleitet, wenig später suspendierte sie das Richter-Dienstgericht Cottbus vorläufig vom Dienst. Mit den Ermittlungen beauftragte die Justiz das Landgericht Frankfurt (Oder), weil Frau K. dort nie gearbeitet hatte.

Ob die Anklage am Landgericht Potsdam zugelassen und es zu einer Verhandlung gegen Ulrike K. kommen wird, ist nach Ansicht ihres Anwalts Michael Nitschke höchst zweifelhaft. Er verweist darauf, dass die Anklage auf "äußerst wackligen Füßen stehe". So soll Ulrike K. vor Gericht ausgesagt haben, Terhar hätte berichtet, vor dem Banküberfall Heroin geschnupft zu haben. Dies habe er während der polizeilichen Vernehmung behauptet, zu der die Staatsanwältin hinzugezogen wurde. Die vernehmenden Polizisten hatten jedoch von "Heroin-Schnupfen" nichts gehört. Die Ermittler schlossen daraus, dass Ulrike K. gelogen hat, um verminderte Schuldfähigkeit für ihren Geliebten zu erreichen. Für Anwalt Nitschke bedeutet jedoch "nicht gehört" nicht per se "nicht gesagt".

Nach Aussagen der Geschäftsführerin des Deutschen Richterbundes, Uta Förster, sind Fälle, in denen sich Staatsanwälte aus Liebe oder falsch verstandener Fürsorge für Angeklagte strafbar machen, äußerst selten. Zwar gäbe es zahlreiche Filme zu diesem Thema, in der Realität komme dergleichen aber häufiger zwischen Vollzugsbeamten und Häftlingen vor, da hier ein regelmäßiger persönlicher Kontakt bestehe.

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