Der Tagesspiegel : Stabile Sitze, bitte

Pfundig unterwegs: Eine Nürnbergerin organisiert Reisen für Dicke

Christian Schreiber
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Guter Wille ist alles. Wer kiloschwer fröhlich bleibt, kommt auch ans Ziel. Foto: Mauritius Images

Peinlich begann der Urlaub für Günther Kowartz: Der stark übergewichtige Mann ließ sich am Pool vorsichtig in den Plastiksessel sinken, und trotzdem krachte der Stuhl zusammen. Die anderen Gäste lachten schallend. Davor ist Kowartz nun gefeit, denn jetzt ist er mit Sylvia Strasser unterwegs. Die Nürnbergerin organisiert seit dreieinhalb Jahren XXL-Reisen und testet vorher jeden Stuhl und jedes Bett auf Dicke-Tauglichkeit. „Ich habe selbst ein paar Pfunde zu viel, daher weiß ich, wo die Probleme lauern“, sagt sie.

Die Deutschen gelten mittlerweile als die Europäer mit den üppigsten Fettpolstern. Regelmäßig berichten Krankenkassen und Politiker hierzulande von Speckrekorden: Demnach haben die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer zu viel auf den Rippen. Auch der Nachwuchs ist schwer im Kommen: Mehr als sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen gelten hierzulande als fettleibig. Doch von der Reisebranche wird diese Zielgruppe vernachlässigt, hat Sylvia Strasser festgestellt.

Die erste Schwierigkeit beginnt schon am Telefon, wenn Strasser dem Hotelmanager erklärt, dass sie mit einer gewichtigen Gruppe einchecken will. „Ich habe in Deutschland händeringend nach Wellness-Hotels gesucht“, erzählt sie. Man wolle sich von „den Dicken“ doch nicht die Gäste vergraulen lassen, bekomme sie immer wieder zu hören. Im Ausland stoße sie auf wesentlich mehr Verständnis, vor allem in südlichen Ländern. Auch die Nordlichter pflegten einen lockeren Umgang mit pfundigen Personen. Einige Teile Deutschlands und Österreichs hingegen sind für Sylvia Strasser mittlerweile zu „No-Go-Areas“ geworden.

Meist geht es nach Teneriffa, wenn Sylvia Strasser mit ihren Gästen in den Flieger steigt. Bei Flugreisen gibt es allerdings eine Hürde: Die Flugsitze sind zu schmal für die korpulente Klientel. „Früher konnte man wenigstens noch den zweiten Platz als Kindersitz zu 60 Prozent des Preises dazubuchen.“ Selbst Airlines, mit denen sie öfter zusammenarbeite, zeigten aber inzwischen keinerlei Kooperationsbereitschaft mehr. „Die Vorbehalte werden immer größer. Keiner will Dicke“, sagt Sylvia Strasser. Dabei besitzt der Markt in ihren Augen reichlich Potenzial. „Zu mir kommen oft Menschen, die noch nie so richtig verreist sind“, verrät sie.

Mit ihrem Unternehmen „Dicke Reisen“ bietet Sylvia Strasser ein „Rundum-Sorglos-Paket“ auf Teneriffa, in Österreich, Norwegen oder Frankreich. Ihre Gäste werden mit dem Taxi ins Hotel gebracht und nicht in einen Kleintransporter gezwängt, auch ihre Koffer müssen sie nicht selbst schleppen. In den ersten drei Tagen werden die korpulenten Reisenden intensiv betreut – bis hin zum gemeinsamen Bad im Pool. Schließlich wolle kein Dicker gern allein die T-Shirt-freie Zone betreten. Bei Ausflügen mit dem Bus stehen jedem Passagier zwei Sitze zu, und das Tempo bei Besichtigungen ist sehr gemächlich. „Wenn einer aus der Puste ist, bleiben wir stehen.“ Auf Wunsch macht Sylvia Strasser, die jede Reisegruppe persönlich begleitet, mit ihren Gästen auch Wassergymnastik oder Nordic Walking. Mit 300 Euro zusätzlich schlägt die Betreuung für einen zweiwöchigen Urlaub zu Buche.

Nach eigenen Angaben ist die Nürnbergerin die einzige Anbieterin für XXL-Urlaub in Deutschland. Der Deutsche Reiseverband (DRV), Branchenverband deutscher Reisebüros und Reiseveranstalter, hat unter seinen 5000 Mitgliedern keinen Konkurrenten ausfindig gemacht: „Bislang ist uns noch nichts begegnet, was speziell diese Zielgruppe anspräche“, erklärt Sprecherin Sybille Zeuch.

Die Mitarbeiter bei Tui zählen fleißig Angebote für Gesundheitsbewusste auf, nennen Hotels, die Vollwertkost servieren oder Diätprogramme offerieren. „Aber wir haben keine speziellen Angebote für Dicke“, erklärt Sprecherin Susanne Stünckel. Der Kundenservice registriere derartige Anfragen auch nicht gesondert.

Die Nachfrage bei Neckermann Reisen ergibt das gleiche Ergebnis. „Ich glaube nicht, dass das Problem so groß ist, dass man spezielle Produkte bieten müsste“, erklärt Sprecherin Bettina Desch. Und, fragt sie, was solle man den korpulenten Gästen denn speziell offerieren? Schließlich seien moderne Hotelanlagen großzügig geplant mit „Stühlen für jede Körperform, Aufzügen und breiten Duschen“. Ihrer Meinung nach ist das Thema „eher für Airlines relevant“.

Aber auch die Fluggesellschaften tun sich schwer mit dem gewichtigen Thema. Der Billigflieger Ryanair prüft derzeit die Einführung einer „Fat Tax“ für Übergewichtige. Jedes Kilo zu viel könnte sich dort demnächst auf den Ticketpreis niederschlagen. Eine Befragung unter Passagieren habe ergeben, dass die „Fat Tax“ durchaus auf Zustimmung träfe, teilte das Unternehmen mit. Auch andere Airlines wälzen die Last in der Regel auf die korpulente Kundschaft ab. „Der Gast hat meistens ja Flugerfahrung und weiß, was er benötigt“, erklärt Condor-Sprecherin Nina Kreke. Wer aufgrund seiner Körperfülle im Reisebüro zwei Sitze buche, werde auch zwei Mal zur Kasse gebeten. Eine Alternative sei die Komfortklasse. Hier wachse die Sesselbreite ein Stückchen auf exakt gemessene 48,2 Zentimeter. Diese Variante sei aber nicht unbedingt günstiger als ein Doppelsitz in der Economy.

Wortkarg werden die Airlines beim Thema Kulanz am Check-in-Schalter. „Wenn der Flieger nicht ganz ausgebucht ist, versucht man natürlich, den Wünschen aller Gäste nachzukommen“, sagt Nina Kreke. So wird es zum Glücksspiel, einen zusätzlichen Sitzplatz zu ergattern, der dann aber immerhin gratis ist.

Bei Lufthansa habe man keine „fixe Regelung“. Es werden „Einzelfallentscheidungen“ gefällt, wenn ein übergewichtiger Gast das Schalter- oder Bordpersonal um zusätzlichen Freiraum im Flieger bittet, erklärt Sprecher Jan Bärwalde. Grundsätzlich sei es immer besser, schon frühzeitig zwei Plätze zu buchen.

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